8MM (1999)

Paul Thomas Anderson's «Boogie Nights» gab uns bereits einen ersten Einblick in die feucht- fröhliche (und ziemlich schräge) Welt des hüllenlosen Filmschaffens. «Seven»-Drehbuchautor Andrew Kevin Walker und Regisseur Joel Schumacher wagten nun, die unteren Regionen des «Schmuddel»-Business auszuloten.


von Serge Zehnder


Walker, ein überzeugter Moralist, und Schumacher, Pendler zwischen gekonntem anspruchsvollem Kino («Falling Down») und absolutem Kommerz-Schwachsinn («Batman & Robin») sind ein nicht gerade konventionelles Duo, um die feine Grenze zwischen akzeptabler und verbotener Perversion filmisch zu verdeutlichen. Dass beide Erfahrung mit dem Kreieren einer anarchistisch aus den Fugen geratenen, vom Absurden und Bösen beherrschten Welt haben, stimmt als erstes Vorzeichen hoffnungsvoll. Fügt man diesem Gespann noch Nicolas Cage hinzu, einen Star, der zumindest bis vor kurzem («City of Angels» klammern wir hier kurz aus) mit «Face/Off», «Wild at Heart» und natürlich «Leaving Las Vegas» seine Sympathie für schräge Charaktere und seine Fähigkeit, diese darzustellen, bewiesen hat, sieht dieser Thriller über die Herkunft eines «Snuff»-Films (eine Film bei dem jemand /wirklich/ ermordet wird) vor dem Kinobesuch noch vielversprechender aus.


Welles (Cage) und Max (Phoenix) graben sich im «Porno-Sumpf» stufenweise nach unten.

WIE WEIT GEHT ES NACH UNTEN?

Die Handlung beginnt zweifellos interessant. Der Privatdetektiv Tom Welles (Cage) wird von der Witwe eines verstorbenen Industriemagnaten um Hilfe gebeten. Im Tresor des verstorbenen wurde nach der Testamentsveröffentlichung ein 8mm-Film gefunden, auf dem ein junges Mädchen sexuell missbraucht und anschliessend zu Tode gefoltert wird. Zuerst davon ausgehend, dass es sich hierbei um nicht mehr als ein sehr realistisches Schlitzerfilmchen handelt, macht sich Welles daran, die Herkunft des Streifens festzustellen. Seine erste Spur führt ihn in das Leben der Mutter des Opfers. Von zu Hause ausgerissen, wollte das Mädchen nach Hollywood gelangen, um ein Filmstar zu werden. Daher dauert es nicht lange und Welles steht in einem Sex-Shop in L.A., wo er den Verkäufer Max (Joaquin Phoenix) trifft, dessen Musikerkarriere den Bach runter ging, und der sich nun im Umfeld der Porno-Industrie seinen Lebensunterhalt verdient. Angetan von Welles' Job weiht ihn Max in die Halbwelt des Sex-Business ein. Über «konventionelle» Orgien bis hin zu «Sado-Maso» und gut gefälschten Sex-Brutalos dringt Welles immer tiefer in eine Welt vor, wo kein Tabu mehr herrscht. Schon bald muss der Schnüffler auch feststellen, dass der Film trotz starken persönlichen Widerstands echt ist, und der extrem rational denkende Ehemann und Vater plötzlich keine Antworten auf gewisse Handlungen der Menschen mehr erhält.


Die Wahrheit übersteigt Welles' Fassungsvermögen.

MORAL OHNE MUT

Das Paket, mit dem man 8MM verlässt, besteht denn auch vorwiegend aus einigen hintergründigen Fragen über Moral und persönlich gesetzte Grenzen, die in einer Gesellschaft, wo solche Produkte gedreht werden und auch Abnehmer finden, nicht mehr vorhanden sind. Walker verstand es wie schon bei «Seven» auf dem Papier eine Welt fernab der uns bekannten zu erschaffen. Eine Welt, die aber bereits beim nächsten Häuserblock beginnt. Gewisse, nicht ganz gelungene Parallelen zu «Seven», wie zum Beispiel Welles Familienleben, das deutlich zu wenig Liebe ausstrahlt (man denke an das Paar Paltrow/Pitt, welches den einzigen warmen Gegenpunkt in einer desolaten Urbanität darstellte), sind einige der wenigen Fehler, die man Walker direkt ankreiden könnte.
Doch Schumacher war das Eisen zu guter letzt wohl zu heiss, um es mit angemessener Ehrlichkeit und dem Mut zum Freifall zu schmieden. So brutal das gezeigte Verbrechen ist, es vermag als Ursprung für die Krankheit oder den Wahnsinn, welchem der Detektiv verfällt, nicht ergreifend genug darzustellen. Die Schwierigkeit, ein solches Thema ohne einen vorgegebenen Funken Humor, der in der Grundstory eben nicht zu finden ist, für den Zuschauer verstörend und zugleich nicht anwidernd zu inszenieren, ist bestimmt nicht zu unterschätzen. Doch wo David Fincher mit «Seven» eindeutig gewisse schmerzvolle Gewichtungen setzte, bleibt Schumacher zurückhaltend und zu hollywoodianisch. Cage und dessen Sidekick Phoenix erhalten deshalb nicht die inszenatorische Vorlage, welche ihren schauspielerischen Leistungen gerecht würde.

Der Film erliegt daher dem etwas tragischen Umstand, im Ansatz ein intelligent-beängstigendes Porträt über eine Reihe von extrem verwerflichen Menschen zu sein, das aber von einem zu konformistischen Regisseur in einen durchschnittlichen Psycho-Thriller ohne allzu aufwühlenden Denkanstoss umgewandelt wurde.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:8MM (1999)
Land:USA
Genre:Thriller
Bewertung:
 
Regie:Joel Schumacher
Drehbuch:Andrew Kevin Walker
Produktion:Judy Hofflund
Gavin Polone (II)
Joel Schumacher
Koproduktion:Jeff Levine (II)
Ausf. Prod.:Joseph M. Caracciolo Jr.
Kamera:Robert Elswit
Schnitt:Mark Stevens (III)
Musik:Mychael Danna
Ausstattung:Gary Wissner
Kostüme:Mona May
Besetzung:Claudia Aros
Christopher Bauer
Jack Betts
Anna Gee Byrd
Nicolas Cage
Myra Carter
Bob Clendenin
Don Creech
James Gandolfini
Anthony Heald
Catherine Keener
Joaquin Phoenix
Peter Stormare
 
Länge:123 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Columbia Pictures Corporation
Hofflund/Polone
CH Verleih: 20th Century Fox


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