The 92 Minutes of Mr. Baum (1997)

Der 92-minütige Countdown eines mediokren Lebens.


von Liliane Fellmann


Wir fallen dem Leben alle irgendwann zum Opfer. Und jeder findet dann wohl seine ganz persönliche, kulturell geprägte Art, das letzte Ereignis (nicht) in den Griff zu kriegen. Doch ist, abgesehen von ein paar skurrilen Gedankenströmen, soviel Langmut wie sich bei diesem Micky Baum einstellt, für einen Sterbenden so unattraktiv wie Petersilie zwischen den Zähnen. Doch wie der Regisseur Assi Dayan andernorts schon meinte: «nichts im Leben ist geplant ausser dem Tod», das erklärt vieles und auch Gefasstheit kann ein starkes Stück sein.


Mr. Baum erfährt, leicht verwundert, von seinem rasant anwachsenden Krebs.
Alles habe mit einem harmlosen Furunkel angefangen, so wird uns später mitgeteilt. Und einige Stunden später wird dem sympathischen Kahlkopf Micky Baum (gespielt von dem israelischen Regisseur und Autor Assi Dayan selbst) zwischen Zigarrettenrauch und Zeitungsenten das nahe Ende seines Lebens angekündigt. Der Taumel zwischen Fantasie und Fakten beginnt..

Zu verstehen ist gar nichts, alles ist temporär, zwecklos und zufällig. Für Mr. Baum, einen Brillenimporteur und Familienvater im mittleren Alter, scheint die Tatsache selbst nicht weiter in Stress zu versetzen. Vielmehr muss jetzt die Zeit genutzt werden.. Micky Baum ist nicht der Mann, der sich im Bade authentischen Leidens suhlt, oder gar die Welt zu interpretieren versucht. Das zeigt sich in den Aktionen, die die nächsten anderthalb Stunden der Todesodyssee des Mr. Baum charakterisieren.

Ein banaler Sterbender umgeben von banalen Sterblichen

Spontan und ohne Ungeduld werden uber das Handy letzte Pflichten erfüllten, existentielle Fragen ganz beiläufig gestellt. Wie ist das mit dem Sterben, Sohn? «Auf keinem Fall dem Tod ins Auge schauen, noch ihm ins Arschloch gucken», so die grobanalytische Platitüde seines militärgeilen Filius (Tomer Sharon). Schwarzhumorig ist auch die Szene mit dem chinesischen Geschäftskunden Shu (Zion Shu). In trunkener Weltuntergangsstimmung stiehlt der dem drögen Micky nicht nur die Zeit, sondern auch jede Chance für etwas eigennützige Sentimentalität.


Das «Mr. Baum Museum»: Sterben kann ganz leicht sein, wenn die Nachwelt dem Ereignis die nötige Grosse verleiht.

Ein banaler Sterbender zwischen traumhaftem Diesseits und fiktiver Nachwelt

Wie Mr. Baum selbst, so zeigt sich auch seine Umwelt: Sie verzichtet auf das Privileg, zu viel zu wissen und gibt sich damit zufrieden, eine kleine Rolle zu spielen. Irgendwo zwischen alltagsglücklichem Dahinschreiten und spiessbürgerlicher Routine. Während der letzten Minuten seines Lebens beleiten Mr. Baum dann auch nur das leise Sehnen nach etwas Glamour und seine Fantasie. Da kann die Tochter (Shira Gefen) schon mal fliessend Englisch reden mit ihrem Lover, um so das Unverstehen zwischen Vater und haarnadel-neurotischer Tochter in Pink noch zu verdeutlichen. Schon auch die Szene, wo Micky nackt in der Dusche steht, krampfhaft bemüht, sein Leben obligat in Sekundenschnelle vor sich vorüberziehen zu sehen. Förmlich aus den Augen quetschen will er`s sich.


Eine Trauergruppe der besonderen Art: Im Stechschritt singt man den Lovesong «Only you» (Musik: Boaz Avni).

Ein verstricktes Werk

Nach einem sich immer wieder wiederholdenen Muster folgen auf real stattfindende Gesprächssitiuationen, fiktive Vorstellungen über das Verhalten von Familie und Bekannten vor und nach der Beerdigung des Mr. Baum. Eine dritte Ebene (Schnitt: Zohar Sela, Ton: Israel David) in Form einer Art Kulturkritik oder Politsatire bilden die Szenen in der fiktiven Museumsaustellung, die posthum uber die letzten Minuten des Mr. Baum ins Leben gerufen wurde. Eine Wunschphantasie in dunklem Pomp (in der Ästhetik eines KZ-Museums, so scheint es) und mit pathetischem Wortmüll zur ästhetischen Uberhöhung gebracht von einer Mischung aus Che Guevara und israelisch-militantem Andy Warhol. The 92. Minutes of Mr. Baum bilden den letzten Streich einer philosophischen Trilogie Assi Dayans über die Suche nach dem Sinn des Lebens. Nach Life according to Agfa (1993) und The Electric Blanket Syndrome (1995) kommt dieser Film an der Oberfläche sehr leicht daher, doch ist seine (israelisch-) politische Brisanz und reflektive Seite nicht zu unterschätzen. Das banale bisschen Leben als erhabene Farce, eben.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:The 92 Minutes of Mr. Baum (1997)
Land:Israel
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Assi Dayan
Drehbuch:Assi Dayan
Produktion:Yoram Kislev
Hiam Meklberg
Kamera:Avi Koren
Schnitt:Zohar M. Sela
Musik:Boaz Avni
Besetzung:Idan Alterman
Adam Baruch
Assi Dayan
Shira Geffen
Rivka Noiman
Tomer Sharon
Nathan Zehavi
 
Länge:92 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:H.L.S., Ltd [il]
Christa Sared
CH Verleih: Look Now!


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