Aimée und Jaguar (1999)

Ein Name, eine Liebe, ein ganzes Leben lang


von Sandra Walser


«Aimée & Jaguar» ist, obwohl der Zweite Weltkrieg geschönt gezeigt wird, ein intensives (Zeit-)Portrait - dank den herausragenden Schauspielerinnen Juliane Köhler und Maria Schrader in den Hauptrollen.

Der Zweite Weltkrieg als chices Beiwerk: Zum Fliegeralarm erklingt Beethovens Neunte, die aliierten Bomber treten als beschönigte Silhouetten vor kitischiger Sonnenuntergangsstimmung in Erscheinung, effektvoll und farbenfroh lodert Berlin. Wenn jemand eine derart schamlose Historienstilisierung vornimmt, und grausamsten Krieg nur anhand von gefilterten - und dementsprechend unauffälligen - Füllsequenzen in seinen Film einbringt, so bedarf das einer Erklärung. Im Falle von Max Färberböcks «Aimée & Jaguar» muss diese nicht lange gesucht werden, die seltsame Kriegsästhetik verrät sich schon bald selbst: Hier soll unterhaltendes Genre-Kino in Reinkultur heraufbeschwört werden. Wäre ja dumm, wenn da die einzigartige Geschichte durch ein paar authentisch anmutende Kriegsbilder ihre eruptive Kraft verlöre. Diese Überlegung könnte, handelte es sich bei «Aimée & Jaguar» um ein verniedlichendes Melodrama, auch durchaus funktionieren. Nun aber hat sich Färberböck mit seinem Film an einen authentischen Stoff gewagt, bei dem der Krieg eine wesentliche Rolle spielt.


Glückliche Zeiten (v.l.n.r.): Felice (Schrader) und Lilly (Köhler)

Zwiespältige Adaption

Im Sommer 1943 lernt die deutsche Hausfrau und Mutter Lilly Wust (Juliane Köhler) an einem Konzert die lebensfrohe Jüdin Felice Schragenheim (Maria Schrader) kennen. Diese schreibt Lilly bald darauf einen leidenschaftlichen Brief, und die zwei Frauen verlieben sich ineinander, als wär's die alltäglichste Sache der Welt. Doch nur rund ein Jahr sollte diese Liebe dauern, dann lässt der Krieg alle Träume platzen und die unter falschem Namen lebende Felice wird nach Theresienstadt deportiert. Drei Jahre nach ihrem Verschwinden wird sie offiziell für tot erklärt, die genauen Umstände ihres Todes jedoch sind unklar. 1981 erhält Lilly das Bundesverdienstkreuz - sie hatte nach Felices Deportation noch weitere Jüdinnen versteckt. Heute lebt sie, 85jährig, in Berlin - und liebt Felice noch immer. Ihre Tagebücher, sowie Fotos, Briefe, Gedichte und Felices Dokumente hat Lilly in zwei randvoll gepackten Koffern verstaut. Das ist die authentische Geschichte Lilly Wusts, die Erica Fischers eindrückliche Biographie erzählt. Seit seiner Veröffentlichung vor fünf Jahren trat das Buch einen beispiellosen Siegeszug an: Übersetzt in elf Sprachen, verhalf es auch der damals völlig verarmt und isoliert lebenden Lilly zu spätem Ruhm. Färberböcks Film - auch wenn er sich nicht in allen Punkten an die Vorlage hält - ist ein weiteres Element dieses Anerkennungsprozesses. Schade ist es nun, dass er - ganz im Gegensatz zu Fischer, die der Zerrissenheit des Liebespaares in allen Facetten nachgeht - das emotionale Potential seiner widersprüchlichen Protagonistinnen nicht voll auszuschöpfen vermag. Die Wandlung der Nazi-Mitläuferin Lilly etwa, die sich von ihren Liebhabern aus hohen Militärkreisen vor einer Hitlerbüste im Wohnzimmer vernaschen liess und sich nun in einer Beziehung zu einer Jüdin wiederfindet, passiert gar glatt. Und auch die ständige äussere Bedrohung, der sich die zwei Frauen ausgesetzt sahen, wird nur an wenigen Stellen wirklich spürbar gemacht. Weit aneckender aber ist, dass kaum eine Szene für sich alleine stehen darf. Und das, obwohl das hervorragende Schauspiel und die akzentuierte, sowie kontrastreiche Kameraführung auf der suggestiven Ebende oft viel mehr aussagten als diese vermeintlich erklärende Stimme im Off. Hinzu kommt, dass Färberböck seinem Film eine frei erfundene Rahmenhandlung verpasste - als filmischer Auftakt lässt er im Altersheim Lilly und eine verschollen geglaubte Freundin Felices aufeinandertreffen - die, langatmig erzählt, dem Publikum den Einstieg in Lillys Welt erleichtern soll.


Die jungen Frauen auf dem Weg zum Fototermin.

Intensives Portrait

So zwiespältig adaptiert «Aimée & Jaguar» auch ist, so erstaunlich ist es nun, dass der Film dieser Schwächen zum Trotz als sehr intensives und feinsinniges (Zeit-)Portrait erlebt werden kann. Eine in mehreren Strängen angelegte Dramaturgie fängt vielschichtig den Mikrokosmos des völlig Kopf stehenden Berlins ein: Nazi-Anhänger erhalten hier ebenso eine Stimme wie jene Spiessbürger, die sich allabendlich in der glamourösen Ambiance des «Aldon»-Hotels suhlen; ein lakonischer Blick streift die Welt lesbischer Girlies, die sich als Pin-up-Mädchen für deutsche Soldaten ablichten lassen. Sichtlich bemüht, nicht nur den Krieg, sondern auch die grosse Liebesgeschichte seines Filmes leichtfüssig zu erzählen, lässt Färberböck seine Protagonistinnen mit herausfordernden Blicken und überschwenglicher Lebensfreude agieren. Nicht über lang jedoch scheinen die herausragenden Hauptdarstellerinnen Köhler und Schrader, fernab der opulenten Ausstattung und der zeitweise stolpernden Regie, ein ausdrucksstarkes Eigenleben zu entwickeln, denn fein und fast unergründlich sind die Geschichten, die sie mit ihrer Gestik, ihren Augen zu erzählen wissen. So bietet «Aimée & Jaguar» schliesslich auch eine der schönsten lesbischen Liebesszenen der nun über hundertjährigen Filmgeschichte. Die Bewegungen sind sanft, als Lilly und Felice sich zum ersten Mal berühren, die Körper scheinen einander grenzenlos vertraut. Und doch wirkt es, als tanzte das Paar auf einem Vulkan: Lilly, nicht wissend, wie ihr geschieht, erbebt durch die Liebe zu Felice. Ihr Eros entflammt das Zelluloid.


Traute Zweisamkeit kurz vor der Katastrophe.


Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Aimée und Jaguar (1999)
Land:Deutschland
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Max Färberböck
Drehbuch:Erika Fischer
Max Färberböck
Rona Munro
Produktion:Hanno Huth
Günter Rohrbach
Stefaan Schieder
Gerhard von Halem
Kamera:Tony Imi
Schnitt:Barbara Hennings
Musik:Jan A.P. Kaczmarek
Ausstattung:Uli Hanisch
Albrecht Konrad
Kostüme:Barbara Baum
Besetzung:Margit Bendokat
Hans-Christoph Blumenberg
Detlev Buck
Sarah Camp
Carl Heinz Choynski
Elisabeth Degen
Karen Friesicke
Inge Keller
Juliane Köhler
Werner Lause
Dani Levy
Heike Makatsch
Klaus Manchen
Ulrich Matthes
Kyra Mladeck
Patrizia Moresco
Desiree Nick
Maria Schrader
Jochen Stern
Peter Weck
Johanna Wokalek
Rosel Zech
Rüdiger Hacker
 
Länge:126 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR
Prod.-firma:Senator Film Produktion GmbH
CH Verleih: Frenetic Film


[ Homepage ]
Copyright © 1999 Frenetic Film (Bilder)
Copyright © 1996-1997 CineNet (Text)