American History X (1998)

Ein kräftiger Film, allen Makeln zum Trotz.


von Rafael Scholl


Der junge Danny Vinyard (Edward Furlong) hat über «Mein Kampf» eine Schularbeit verfasst, und er scheint von der Nazi-Ideologie überzeugt. Sein Lehrer bringt ihn zum Schuldirektor Sweeney (Avery Brooks), der eine neue Arbeit verlangt, von der er sich erhofft, dass sie Danny die Augen öffnen wird: Innerhalb eines Tages soll er die Geschichte seines älteren Bruders Derek (Edward Norton) erzählen, dessen dreijährige Haftstrafe soeben zu Ende geht - Derek, vor einigen Jahren der Anführer einer Neonazi-Gruppierung, hatte brutale Morde an Schwarzen verübt. Während Danny die Vergangenheit und die Fehler seines Bruders aufarbeitet, wird deutlich, dass sich Derek im Gefängnis verändert hat: Er ist nicht länger von Hass, Gewalt und Rassismus konsumiert. Derek ist nun bestrebt, seinen jüngeren Bruder vor dem Sturz in die Neonazi-Bewegung zu bewahren.


Sweeney (Avery Brooks) ist eine Mentor-Figur, die in Dereks «Reformation» eine wesentliche Rolle spielt.
American History X tritt übermässig missionarisch auf, doch der Film hat auch viele Vorzüge. Die Handlung zum Beispiel ist zwar relativ einfach, jedoch glaubwürdig und wohl durchdacht. Oft geht es hastig zu und her, wenn die Geschichte des Films bemüht ist, innerhalb der erlaubten Spielzeit alle nötigen Punkte abzuhandeln - dennoch greifen die Zahnräder durchaus; wir gelangen flüssig zu einem wunderbar treffenden Ende und einem erträglich moralisierenden Schlusswort.

Der Film zeigt den Fall und die seelische Genesung von Derek Vinyard in einer Zusammenstellung von Flashbacks (in Schwarzweiss) und Aufnahmen der Gegenwart, die den reformierten Menschen mit seinem alten Ich kontrastieren; sie zeigen die Taten, umreissen den Werdegang, skizzieren die Wandlung im Gefängnis und erwähnen den Einfluss der Familie. Hier vereinen sich Balance und Unausgeglichenheit, da zwar vieles angeschnitten und kurz erwähnt wird, jedoch nur weniges auch die Vertiefung erfährt, die es verdient.

Wir sehen meist Skizzen von formativen Ereignissen, die glaubwürdig, im Film aber wenig betont bleiben, während die Auswüchse der Gewalt ausgiebig ausgeschlachtet werden - das ist einerseits verständlich, da der Film visuell sein kann und soll, andererseits aber auch ärgerlich, da wir stets Ursachen und Wirkungen sehen, nicht aber die Wandlung der Figuren. So ist denn American History X eher ein Film über die möglichen Ursachen, die einen intelligenten Menschen zum Neonazi machen können, als über die Figuren dieser Geschichte - wir sehen hier mehr ein Schema als einen Lebenslauf, das Interesse gilt dem Thema, nicht den Personen. Das ist angesichts der hervorragenden Besetzung schade (es brilliert vor allem Edward Norton, der für seine Leistung als Derek eine verdiente Oscar-Nominierung erhielt).


In schwarz-weiss erzählt der Film von Dereks Sturz in den Neonazismus und von den Morden, die er im Rausch des Hasses verübte. In Farbe dann die Wiedergeburt.
Der Autor David McKenna mischt visuelle Eindrücke mit feurigen Dialogen, die neben der Funktion im Plot vor allem dazu dienen, Dereks Intelligenz zu zeigen. Das ist zentral: Derek ist nicht ein minderbemittelter Prügelknabe, sondern eine intelligente Person, die ihre Umwelt betrachtet und den falschen Einflüssen zum Opfer fällt. Seine Meinungen als Neonazi sind verwerflich, und der Film bezieht auch eindeutig diese Position, das heisst er gibt Derek zwar das Forum, nicht aber die Glaubwürdigkeit - dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass weder Derek noch sein Mentor Cameron (Stacy Keach) in diesem Film als dumm gezeichnet wird; dumm sind lediglich die Massen, die sich ihrer selbstverherrlichenden Ideologie freudig anschliessen. Die Wege einer intelligenten Person zur falschen Ideologie: Das ist das Thema dieses Films. Dabei geht die liberale Antithese zu Dereks Propaganda leider weitgehend verloren, was die Diskussion der Fragen auf den ersten Blick unausgewogen erscheinen lässt; unsere eigenen Überzeugungen müssen den Gegenpol zur verwerflichen Ideologie bilden.

Hier wird bildlich erzählt, schonungslos, schockierend, nahe an der Realität. American History X ist kein perfekter, aber ein relevanter Film, der ein aktuelles Problem mit ausreichender Sensibilität behandelt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:American History X (1998)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Tony Kaye
Drehbuch:David McKenna
Produktion:Michael De Luca
John Morrissey (I)
Brian Witten
Koproduktion:Jon Hess
David McKenna
Ausf. Prod.:Bill Carraro
Kearie Peak
Steve Tisch
Lawrence Turman
Kamera:Tony Kaye
Schnitt:Gerald B. Greenberg
Alan Heim
Musik:Anne Dudley
Ausstattung:Jon Gary Steele
Kostüme:Douglas Hall
Besetzung:Giuseppe Andrews
Fairuza Balk
David Basulto
Tara Blanchard
Avery Brooks
Beverly D'Angelo
Kiante Elam
Edward Furlong
Elliott Gould
Stacy Keach
Anne Lambton
Paul Le Mat
Jennifer Lien
Antonio David Lyons
Keram Malicki-Sánchez
Jordan Marder
Christopher Masterson
Edward Norton (II)
Jim Norton
William Russ
 
Länge:117 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:New Line Cinema
Turman-Morrissey Company
CH Verleih: Rialto Film


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