Ardilla roja, La (1993)

Der 1958 geborene und studierte Arzt sowie Regisseur Julio Medem hat nach Vacas in seinem zweiten Film La ardilla roja einen persönlichen Tribut an die Frau gezollt: «Squirrels always remind me of women, they are astute, furtive, quick on the up-take.» Vielleicht eine etwas triviale Umkehrung des südlichen Machismo, wenn da nicht die prismenhaften bzw. markig-bizarren Einschübe des Spaniers wären, die ein zu klischiertes Rollenverständnis wunderbar freiatmig durchbrechen.


von Liliane Fellmann


Eine tiefblaue Sommernacht in San Sebastian. Jota (Nancho Novo), beziehungswund, will mit dem Leben Schluss machen. Noch mit seinem Vorsatz ringend, passiert wenig entfernt von ihm ein Motorradunfall. Der ehemalige Rockmusiker eilt sofort zu Hilfe und erkennt eine Frau unter dem Helmvisier. Die Gestürzte ist ohne Bewusstsein. Im Spital wird eine zumindest akute Amnesie festgestellt. Jota, der sich spontan als der langjährige Freund der Patientin ausgibt, erteilt den Ärzten bereitwillig Auskunft über deren persönliche Daten und Lebensgeschichte, denn Elisa (Emma Suárez), wie Jota sie nennt, hat keine Papiere bei sich. Nach und nach füllt Jota Elisas autobiographisches Vakuum mit erfundenen Fakten und Gefühlen ­ sie akzeptiert seine Version.


Das Mädchen, das vom Himmel fiel.

Die Wahrheit drängt ans Licht

Aus dem Spital ausgebüchst, verbringen Elisa und Jota einige sinnliche Tage auf einem Campingplatz mit dem Namen La ardilla roja. Hier wachen die roten Eichhörnchen wie Mythengestalten über die grossen und kleinen Unredlichkeiten der Menschen. In dem Masse, in dem sich Elisas amnesischer Zustand zu bessern scheint, fordert die Vergangenheit ihren Tribut. Das Verwirrspiel, und damit das gegenseitige Misstrauen, das bruchstückhafte Erahnen von Lug und Trug, schiebt sich unheilvoll zwischen die beiden Liebenden. Auch die Campingnachbarn, eine Familie mit traditionellem Rollenmuster, wird in die Lügengeschichte verstrickt und aus ihrem eingespielten Alltagstrott gerissen. Die Suchmeldung nach einer Sofia Fuentes im Radio bedeutet schliesslich den ultimativen Verstoss aus dem Paradies. Felix (Carmelo Gómez), der psychopathische Exfreund Elisas/Sofias, taucht auch noch auf und zwingt zur Handlung.


Jota und Felix rennen um Sofia (die Weisheit)

Ein Film voller Symbole und Schlüssel

La ardilla roja weiss zu überraschen. Das nicht nur in der Ver- und Entwicklung der Geschichte, sondern vor allem durch mutig-schnöde Details, aber auch durch die teils zynische, teils schockierende Konsequenz, mit der sowohl Haupt- wie NebendarstellerInnen sich entblössen, ohne sich billig zu verkaufen. Im Gegenteil, Jota und Sofia/Elisa sind durch eine kaum durchbrochene mystische Distanz zu ihrer Umwelt gezeichnet. Auch eine Annäherung unsererseits an die Kausalität der Erzählstränge wäre wohl minutiöse Knochenarbeit, allerdings sind die Charaktere so frisch und stark in ihrer Eigenweltlichkeit, dass man sich bald einmal dem langweiligen Zwang der Logik entzieht und sich seinen Platz in der spannungsgeladenen Agitationsebene zwischen dem Paar sucht.

Medem, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat keine Berührungsängste. Mutig vermag er innere Bilder bzw. Träume surrealistisch als eigene Manierismen aus dem Fluss des Geschehens herauszulösen, um sie später mit leichter Hand wieder einzuflechten. Immer auf der Suche nach dem Subtilen (es darf aber durchaus mal weniger feinsinnig Blut fliessen, etwa wenn sich der Psycho Felix masochistisch ein Stück Backe wegschneidet) erinnert der Film stellenweise an Lynch, Egoyan, oder - wenn auch weniger literarisch - gar Kieslowski. Und doch erschafft Medem eine Atmosphäre eigenen Stils, nicht zuletzt durch seine dauernd wechselnden Kameraeinstellungen und -winkel. So entfaltet sich der Film als ein grosses eskapistisches Narrenspiel, gespickt mit formalistischen Traumimpressionen, das letzte Fragen nicht beantwortet. Medems rotes Eichhörnchen ist ein raffiniert gespinntes Netz, das den Durchblick verwehrt, ohne die Lust am sehen wollen zu hemmen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Ardilla roja, La (1993)
Land:Spanien
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Medem, Julio
Drehbuch:Medem, Julio
Ausf. Prod.:de Garcillán, Fernando
Kamera:Berridi, Gonzalo F.
Schnitt:Sáinz de Rozas, María Elena
Musik:Iglesias, Alberto
Besetzung:Barranco, María
Blasco, Txema
Cairo, Roberto
Calo, Teresa
Elejalde, Karra
García, Ana
García, Susana
Gómez, Carmelo
Hernández, Susana
Irizar, Eneko
Irureta, Elena
Jiménez, Maite
Laskurain, Mikel
Lera, Chete
Lizarralde, Amaia
Marcos, Cristina
Merino, Amaia
Molina, Mónica
Noceda, Sarai
Novo, Nancho
Prittwitz, Andreas
Sacristán, José María
Salmerón, Gustavo
Sanchez, Ane
Suárez, Emma
Yerro, Maite
 
Länge:110 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:Sogetel
CH Verleih: Xenix Filmdistribution


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