Armageddon (1998)

Jeder, der einst «Top Gun» verabscheute, The Rock hasste und Con Air ein Stück Dreck fand, muss hier nicht mehr weiterlesen.


von Serge Zehnder


Denn Armageddon ist die Summe all dieser Teile. Jerry Bruckheimer, der einst mit seinem Partner Don Simpson das erfolgreichste Produzentengespann der achtziger Jahre darstellte, dreht bei jedem seiner Filme das Budget, Effekte und Gesinnung noch eine Stufe höher. Armageddon ist hinsichtlich des Overkills Bruckheimers teuerstes und mit Abstand das überladenste seiner Spektakel. Zusammen mit Deep Impact spielt er mit den vorherrschenden kosmischen Weltuntergansängsten, die sich am Ende jedes Jahrhunderts breitmachen; er tut dies jedoch mit viel mehr Humor als es bei Steven Spielbergs Asteroiden-Soap Opera der Fall war. Dafür sorgten insgesamt fünf genannte und vier ungenannte Drehbuchautoren, die der Zweizeilen-Geschichte soviel wie möglich abzugewinnen versuchten. Und kaum zu glauben, aber es ist ihnen gelungen, aus einer mehr als dürftigen Story ein zumindest szenisch homogenes Stück Unterhaltungskino zu schaffen, dem Michael Bay mit all seiner erworbenen Werbefilmer-Weisheit den populistischen Stempel aufdrückt.


Das ist nur der erste Schauer, das Gewitter kommt erst noch.

«IT'S ARMAGIDEON TIME» (The Clash)

Im Zentrum des Geschehens (neben dem riesigen Asteroiden) steht Harry Stamper (Bruce Willis), ein routinierter Herz-und-Seele-Ölborer, der im Südchinesischen Meer nach dem schwarzen Gold sucht. Seine Crew besteht aus lauter Querschlägern und gescheiterten Existenzen. Rockhound (Steve Buscemi): Schürzenjäger und Akademiker in einem, Chick (Will Patton): Spieler und Familienvater ohne Familie und A.J. (Ben Affleck), der neben seiner Testosteronhaftigkeit auch noch Harry's Tochter Grace (Liv Tyler) liebt, was das gutfunktionierende Team schon in der Startphase gehörig aus der Balance bringt. Rollt Armageddon schon von Beginn weg im Höchsttempo los, gesteht Bay dem Zuschauer in den folgenden 150 Minuten kaum eine Verschnaufpause zu, wogegen eigentlich nichts einzuwenden ist, nur dass bei so vielen «Cliffhangers» unweigerlich Ermüdungserscheinungen auftreten. Von einem wahrlich ernstzunehmenden Fehler darf man bei einer Schiessbuden-Attraktion von solchen Ausmassen nicht sprechen. Etwas Peripheres zur Realität ist hier selbstverständlich zu erwarten. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand wie Jerry Bruckheimer plötzlich den Spiegel der Realität produzieren würde.


Junge Liebe (Affleck und Tyler), was Willis (siehe unten) gar nicht gefällt.

LITTLE BIG BOY

Zugegeben, Armageddon ist ein Spiegel der Realität, allerdings einer derjenigen, die man in Schaubuden und Labyrinthen findet, deren Verzerrung einen entweder zum Adonis oder zum Krüppel werden lässt. Bei Michael Bay ist es definitiv der Helden-Spiegel, der uns bis ins Weltall hinaus und auf die Oberfläche eines Asteroiden begleitet, wo man versucht, das Allgestein von innen her zu zerstören. Bays Stosstrupp mit Willis, Affleck und Buscemi ist zwar nicht gerade von herkulischen Ausmassen, dafür voll von charismatischem Lausbubencharme, in dem sich jeder für kurze Zeit sonnen will. Die Horde von Drehbuchautoren, angefangen bei Jonathan Hensleigh («The Saint») und endend bei Scott Rosenberg (Con Air) und Robert Towne («Chinatown»), sorgte auch dafür, dass jede Figur ihre kleinen Glanzmomente erhält. Für Liv Tylers Rolle zog man sogar Autorin Ann Biderman (Copycat, Smilla's Sense of Snow) herbei, damit das ohnehin überladene Männer-Konsortium noch einen femininenTouch erhält. Erstaunlich, dass unter dieser Gewalt von Schreiberlingen ein teuflisch unterhaltsames Spektakel entstanden ist, das nicht mit Humoresken spart und trotz einer Reihe von peinlichen Momenten, die das begrenzte inszenatorische Können von Bay beweisen, ein konstantes Bombardement der Sinne ist. Dass Bay die Welt mit der Brille eines unschuldigen Jungen sieht, der 140 Mio. Dollar verpulvern konnte, wird spätestens klar, wenn er eine Gruppe von Kindern vor dem Bild John F. Kennedys mit Spielflugzeugen in der Hand herumtollen lässt. Armageddon ist ein «Kennedy-Film», oder wie in Anthony Hopkins als gescheiterter Staatsmann Nixon in Oliver Stones gleichnamiger Bio resümierte: «Wenn Sie Kennedy ansehen, sehen Sie, was Sie sein wollen. Wenn Sie mich ansehen, sehen Sie, was Sie sind.» Ergo: eine weitere filmische nicht allzu propagandistische Salbung für Amerikas Bewusstseinswunden. Den brillanten, aber erfolglosen «Nixon-Film» in Gestalt von The Ice Storm hatten wir ja schon.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Armageddon (1998)
Land:USA
Genre:Actionfilm
Bewertung:
 
Regie:Michael Bay
Drehbuch:Jonathan Hensleigh
Robert Roy Pool
Tony Gilroy (I)
Shane Salerno
J.J. Abrams
Produktion:Kenny Bates (I)
Michael Bay
Jerry Bruckheimer
Gale Anne Hurd
Pat Sandston
Barry H. Waldman
Ausf. Prod.:Jonathan Hensleigh
Chad Oman
Jim Van Wyck
Kamera:John Schwartzman (I)
Schnitt:Mark Goldblatt
Chris Lebenzon
Glen Scantlebury
Musik:Harry Gregson-Williams
Trevor Rabin
Ausstattung:Michael White (VII)


Kostüme:Magali Guidasci
Michael Kaplan
Besetzung:Ben Affleck
Joe Allen (I)
Sage Allen
Stanley Anderson
Jeff Austin
John Aylward
Mark Boone Jr.
Clark Brolly
Brian Brophy
Odile Broulard
Steve Buscemi
Ken Hudson Campbell
Dyllan Christopher
Ellen Cleghorne
Christian Clemenson
Greg Collins
Brian Hayes Currie
Mark Curry (I)
Keith David (I)
Billy Devlin
Judith Drake
Bodhi Elfman
Chris Ellis
William Fichtner
Steven Ford
Scarlet Forge
Frankie
John Frazier
Andrew Glassman
H. Richard Greene
Googy Gress
Eddie Griffin
Anthony Guidera
James Harper
J.C. Hayward
Andrew Heckler
Dwight Hicks
Judith Hoag
Harry Humphries
Jason Isaacs
Jim Ishida
Alexander Johnson
John H. Johnson
Michael Kaplan
Joseph Patrick Kelly
Udo Kier
K.C. Leomiti
John Mahon
Matt Malloy (I)
Jim Maniaci
Vic Manni
Seiko Matsuda
Kathleen Matthews
J. Patrick McCormack
Grayson McCouch
Rudy Mettia
Andy Milder
Brian Mulligan
Peter Murnik
Kathy Neff
Deborah Nishimura
Will Patton
Ian Quinn
Patrick Richwood
Layla Roberts
Gary Rogers (I)
Adam Smith
Shawnee Smith
Jessica Steen
Charles Stewart (III)
Peter Stormare
Michael Taliferro
Marshall R. Teague
Billy Bob Thornton
Liv Tyler
Duke Valenti
Frank Van Keeken
Victor Vinson
Greg Warmouth
Fred Weller
Peter White (I)
Bruce Willis
Owen Wilson
Albert Wong
Christopher Worret
Grace Zabriskie
 
Länge:150 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Jerry Bruckheimer Pictures
Valhalla Motion Pictures
Touchstone Pictures
CH Verleih: Buena Vista


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