Big Night

Zwei Brüder klopfen vorsichtig auf einer Teigkruste herum, als wäre es eine scharfe Bombe. In stillem Einverständnis schneiden sie den Timpano, einen köstlichen Makkaroni-Auflauf, an und blicken auf ein vielschichtiges Kunstwerk.


Passend zum Film die Rezepte aus der CineNet-Küche.
von Thomas Lüthi



Die Frau des Konkurrenten: Isabella Rossellini
Primo (Tony Shalhoub) und Secondo Pilaggi (Stanley Tucci) haben es mit kulinarischen Tieffliegern zu tun. Dem Brüderpaar ist mit ihrem Restaurant im New Jersey der 50er Jahre nur wenig Erfolg beschieden: In einer Zeit als italienische Küche nur «Spaghetti and Meatballs» bedeutet, tischen die Pilaggis den amerikanischen Ignoranten feinstes Risotto auf. Kein Wunder, dass ihr Etablissement namens «Paradise» knapp vor dem Ruin steht. Ihr erfolgreicher Konkurrent Pascal (Ian Holm) gibt den Brüdern zwar keinen Kredit, will ihnen aber trotzdem helfen: Er werde seinen Freund, den berühmten Entertainer Louis Prima, dazu bewegen, bei ihnen zu dinieren. Dessen Popularität sei die beste Werbung, die das «Paradise» nur kriegen könne. Die Pilaggis kratzen ihre letzten finanziellen Reserven zusammen, laden Freunde und Bekannte ein und bereiten sich vor auf die Big Night. Und es wird ein unvergesslicher Abend ...


Regisseur, Autor und Hauptdarsteller: Stanley Tucci

Ein Plädoyer für die Sinnlichkeit

In der Kindheit bedeuteten Bücher noch die ganze Welt: Das Schlaraffenland entstand vor unseren Augen und drang in die Nasen. Filme waren Augenfutter zum Sattwerden, die böse Königin aus Disneys Schneewittchen verfolgte uns Knirpse bis ins Kinderzimmer, versteckte sich im Schrank und unterm Bett. Aber der geschulte analytische Verstand, das omnipräsente Sperrfeuer der Medien und die lustfeindlichen Kritiker des «Tages-Anzeigers» sorgen in einer unheiligen Allianz dafür, dass uns Erwachsenen und denen, die es werden wollen, diese Kraft der Imagination abhanden kommt. Zum Glück gibt es Big Night, ein Juwel von einem Film, der uns die Fähigkeit, sich einem Kunstwerk bedingungslos hinzugeben, wenigstens für einen Augenblick (Minuten, um es genau zu nehmen) zurückgibt.

Weckt den Italiener in Dir

Natürlich betreibe ich hier ein bisschen Etikettenschwindel, Kino kann eigentlich nur Augen und Ohren ansprechen. Das Publikum von Big Night wird sich dieses Defizites wieder einmal schmerzlich bewusst. Wir sehen den dampfenden Auflauf, freuen uns über das bunte Nebeneinander der aufgetragenen Gerichte und hören voller Rührung den schmalzigen Songs aus den Fünfziger Jahren zu. Aber gleichzeitig bleibt uns das Entscheidende verwehrt: Schmecken und Riechen tun wir nicht die Bohne. Diese Kluft der Sinne ist so breit wie der Grand Canyon, denn das Ensemble vermittelt uns mit einer teuflischen Inspiration, wie gut das ganze Futter ist. Und auch das Regie-Team ist eigentlich hassenswert: Wie raffiniert verstehen sie es doch, die Spannung auf den nächsten Gang zu schüren, um dann am Ende des grossen Abends mit der Kamera über die satte Festgemeinde zu streifen und ein Völlegefühl vorzugaukeln, das den Zuschauer zu einer imaginären Grappa-Flasche greifen lässt.

«Dann kann ich mir Big Night ja sparen und gleich ins Restaurant gehen», wird sich jetzt mancher sagen. Das hiesse aber Augen und Ohren (hier sind sie wieder die besagten Sinne) vor den vielen weiteren Qualitäten des Regie-Erstlings von Stanley Tucci und Campbell Scott verschliessen: Die stimmig durchgestaltete Beziehung zwischen den beiden Brüdern etwa. Oder die letzte Szene des Films, etwas vom Rührendsten, was in den letzten Jahren auf Zelluloid gebannt worden ist. Die Darstellerschar ist, wie bereits angetönt, hervorragend. Zwei Schauspieler gilt es indes besonders zu beachten: Tony Shalhoub, der den dogmatisch-genialen Koch Primo verkörpert und der britische Mime Ian Holm als Pascal, den reichen Restaurateur mit dem Bilderbuch-Temperament.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Big Night (1996)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:4 (von 5)
 
Regie:Scott, Campbell
Tucci, Stanley
Drehbuch:Tropiano, Joseph
Tucci, Stanley
Produktion:Filley, Jonathan
Koproduktion:Alexander, Elizabeth W.
Liguori, Peter
Platt, Oliver
Ausf. Prod.:Samples, Keith
Kirkpatrick, David
Kamera:Kelsch, Ken
Schnitt:Elmiger, Suzy
Musik:DeMichele, Gary
Ausstattung:McDonald, Jeffrey D.
David Stein
Kostüme:Polcsa, Juliet
Besetzung:Tucci, Stanley
Shalhoub, Tony
Rossellini, Isabella
Holm, Ian
Driver, Minnie
Scott, Campbell
Anthony, Marc
Janney, Allison
 
Länge:109 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR-D
Prod.-firma:Columbia Tristar
Rysher
CH Verleih:Monopole Pathé Films


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