Boogie Nights (1997)

Dass Tabus nicht mehr existieren ist ja kein Geheimnis. Und dass man Paul Thomas Anderson Sensationslüsternheit vorwerfen würde, wäre auch nicht verwunderlich. So einfach lässt sich aber seine Porno-Chronik «Boogie Nights» nicht abhandeln.


von Serge Zehnder


Grell, schrill und mit soviel «Saturday Night Fever»-Feeling, dass selbst Travoltas Original wie ein Abschlussball wirkt, wirft Regisseur Anderson den Zuschauer direkt ins Zentrum des Geschehens. Es toben die späten siebziger Jahre und mit einer brillanten, unendlich scheinenden Kamerafahrt durch eine Disco geraten eine Gruppe von Gesichter vor die Linse, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihre wahre Bedeutung enthüllen. Unter ihnen ist der Pornoproduzent Jack Horner (Burt Reynolds) und seine Stars Amber (Julianne Moore) und Rollergirl (Heather Graham), die nie ohne ihren fahrbaren Untersatz an den Füssen durchs Leben rollert. Kurz vor dem ersten Schnitt, stösst der Star der nächsten zweieinhalb Stunden ins Bild. Eddie Adams (Mark Wahlberg), wie er zu diesem Zeitpunkt noch heisst, ist Tellerwäscher und sein erster Blick auf Jack und seine Freundinnen lässt durchblicken, dass er einer von ihnen sein will.


Rollergirl (Graham) und Dirk (Wahlberg) bei ersten Versuchen.

DER ANFANG

Es dauert auch nicht lange und aus Eddie Adams wird Dirk Diggler, der Star von Horners Filmen geboren, der aus der schmutzigen Industrie eine Kunstform kreieren will. Nicht nur ist Dirk besonders gut bestückt sondern, seine Leinwandpersona sorgt für ungeahnte Umsätze. Die Spitze ist jedoch sehr schnell erreicht und mit dem Abstieg seines Stars folgt auch der Abstieg des Films. Der Umschwung in den frühen Achtziger der Industrie heisst Video und Jacks einstiges Vorhaben aus Schmutz Kunst zu machen geht genauso flöten wie die Psyche sämtlicher Beteilligten. Der übermässige Drogenkonsum in den Siebzigern sorgt für den Zerfall und den Verlust der, wenn auch dreckigen, doch naiven Industrie. Kriminalität und Impotenz machen sich breit, irgendwelche Versuche, aus dem Geschäft auszusteigen, misslingen und enden irgendwo zwischen Prostitution und Kokainnebel. Falls einem dieses Schema bekannt vorkomt, Anderson macht aus seiner Faszination für Martin Scorsese und dessen Filme keinen Hehl. Dass es allerdings für eine Huldigung an «Marty den Grossen» Anderson an Gehalt fehlt, wird allzu schnell offensichtlich.


Reynolds als «The Don of Porn».

DAS ENDE

Das Hauptproblem an dem Andersons Drama krankt sind die Figuren. Lebt Boogie Nights zu einem grossen Teil von den makellosen Kamerafahrten Robert Elswits, ist das, was sich innerhalb des Breitleinwandformats während 2 Stunden abspielt, bestenfalls kurios, aber nicht ausreichend, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Wendungen und Überraschungen fallen aus, sobald man die Figuren kennt, und auch bei diesen geht Anderson nicht genügend aggressiv in die Tiefe um weitere Ecken und Kanten auszoloten. Im Gegensatz zu Milos Formans «The People vrs. Larry Flynt», wo der Protagonist seine faszinierende Ambivalenz bis ans Ende bewahrt, ist Andersons Diggler eine Figur, über deren teilweise naive Seele man nur lachen kann und die bei ihrem Fall aus dem Pornohimmel jeglichen Tiefgang verliert. Und auch die formale Innovativität wirkt auf die Dauer ermüdend, womit das Interesse in doppelter Hinsicht schwindet. Letztendlich vermag nur Julianne Moores Charakter «Amber» gewisse menschlich berührende Akzente zu setzen, was aber bei einer Galerie von fast einem Dutzend Figuren eine eher magere Ausbeute darstellt. Das ironische Augenzwinkern der ersten Stunde weicht einer realen und sehr blutigen zweiten Hälfte, die kaum irgendwelche Neuerungen mit sich bringt. Sehenswert ist «Boogie Nights» trotz dieser Mankos. Was sich paradox anhört, ist darauf zurückzuführen, dass Andersons Bild einer fadenscheinigen, Industrie eine Nachhaltigkeit - ob gut oder schlecht sei dahingestellt - besitzt, die den Film noch einige Zeit im Kopf herumspuken lässt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Boogie Nights (1997)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Paul Thomas Anderson
Drehbuch:Paul Thomas Anderson
Produktion:Paul Thomas Anderson
Michael De Luca
Lynn Harris
Lloyd Levin
John Lyons (II)
Joanne Sellar
Koproduktion:Daniel Lupi
Ausf. Prod.:Lawrence Gordon (I)
Kamera:Robert Elswit
Schnitt:Dylan Tichenor
Musik:Michael Penn
Ausstattung:Bob Ziembicki
Kostüme:Mark Bridges
Besetzung:Don Amendolia
Jason Andrews
Samson Barkhordarian
Skye Blue
Brad Braeden
Jon Brion
Rico Bueno
Jose Chaidez
Joe C.M. Chan
Don Cheadle
Dustin Courtney
Jake Cross
Summer Cummings
Gregory T. Daniel
Stanley DeSantis
John Doe
Tom Dorfmeister
Robert Downey Sr.
Sharon Ferrol
Anne Fletcher
Patricia Forte
Scott Fowler
Melanie A. Gage
Jamielyn Gamboa
Eddie Garcia (I)
Joanna Gleason
Goliath
Allan Graf
Heather Graham (I)
Laura Gronewald
Vernon Guichard II
Mike Gunther
Luis Guzmán
Philip Baker Hall
Nina Hartley
Philip Seymour Hoffman
Laurel Holloman
Lawrence Hudd
Amber Hunter
Michael Jace
Thomas Jane
Ricky Jay
B. Philly Johnson
Israel Juarbe
Brian Kehew
Raymond Laboriel
Sebastian Lacause
Greg Lauren
Lexi Leigh
Thomas Lenk
Kai Lennox
Lance MacDonald
William H. Macy
Selwyn Emerson Miller
Diane Mizota
Alfred Molina
Julianne Moore
Nicole Parker
Michael Penn
Nathan Frederic Prevost
Jonathan Quint
Gregory Anthony Rae
Lisa Ratzin
Leslie Redden
John C. Reilly
Burt Reynolds
Robert Ridgely
Jack Riley (II)
Channon Roe
Robin Sharp
Alexander D. Slanger
Michael Raye Smith
Tim 'Stuffy' Soronen
Melissa Spell
Michael Stein
Michael S. Stencil
Tony Tedeschi
Mark Wahlberg
Jack Wallace (I)
Melora Walters
Dee Dee Weathers
Audrey Wiechman
Eric Winzenried
Darrel W. Wright
 
Länge:151 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
CH Verleih: Focus Film


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