Bulworth (1998)

Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Alle sehnen sich danach, aber niemand will sie wirklich hören. Zuweilen kann sie sogar katastrophale Folgen haben. Besonders in der Politik, wo es einzig und allein darum geht, den Menschen etwas vorzugaukeln, um im Nachhinein zu erklären, weshalb man das Vorgegaukelte nicht erfüllen konnte. Warren Beattys «Bulworth» entspringt diesem Konzept, und führt uns vor Augen, wie gut und wie schmerzhaft Ehrlichkeit sein kann.


von Serge Zehnder


Jay Bulworth (Beatty) ist ein konservativer Senator, der mit seinen inneren Dämonen kämpft. Er hat genug von seinem verlogenen Image, seinen verlogenen Wahlkämpfern und den geldhungrigen Lobbyisten, die ihm Spendengeldern in den Schlund werfen, um die entsprechende Politik durchführen zu können. Einzig seine Tochter (die man abgesehen von ein paar Fotos nie zu Gesicht bekommt) liebt er noch, weshalb er eine Versicherungspolice über zehn Millionen Dollar in ihrem Namen abschliessen lässt. Gleichzeitig beauftragt er auch einen Kriminellen, ihn umzubringen, damit seine Tochter ausgesorgt hat.

Frei von irgendwelchen Verpflichtungen und Sorgen - seine Ehe liegt bereits in Trümmern - begibt sich Bulworth nach L.A., um an verschiedenen Anlässen teilzunehmen, wo er, wenn es nach seinem Wahlkampfmanager Murphy (Oliver Platt) ginge, denselben Politquark absondern würde. Doch angesichts seines unausweichlichen Todes beschliesst Bulworth, gegen alle Regeln und Konventionen zu verstossen. Schwarzen Wählern in einer Kirche, jüdischen Filmproduzenten an einer, und sogar seinen Hauptsponsoren schmettert er bei einer Spendenveranstaltung die nackte Wahrheit ins Gesicht. Das soziale Netz ist ein Chaos, die Wirtschaft wird von ein paar Geldhungrigen Haien kontrolliert und die Gesetzgebung sorgt dafür dass die unterschiedlichen Rassen in einem konstanten Konflikt miteinander liegen. In diesem Strudel von unangepasster politischer Existenz, trifft der weisse Mann mittleren Alters auf die junge schwarze Nina (Halle Berry), die nicht nur von Bulworth's Haltung beeindruckt ist sondern ihn auch mit einer Sichtweise vertraut macht, die dem Senator die Augen für das «wahre» Amerika öffnet.


Nina (Berry) hat es Bulworth (Beatty) angetan.

FREIER FALL

Wie ein Freiflug in die Wahrheit fühlt sich Bulworth an. Der ziemlich traditionsreiche amerikanische Politfilm wird um ein direktes unverblümtes Werk bereichert. Waren doch die ersten Werke aus diesem Genre, rührende menschliche Komödien, deren Schöpfer Frank Capra («Mr. Deeds Goes to Town», «Mr. Smith Goes to Washington») die «Mensch-gegen-das-System»-Formel naiv aber äusserst wohltuend umsetzte. Hätte Capra in den Neunzigern gelebt, hätten seine Filme wie Bulworth ausgesehen. Rüde, bissig und ohne verlogene Idylle. Denn das Fundament Amerikas wackelt gewaltig. Die Ghettos, das Verbrechen, die Hoffnungslosigkeit sind Anzeichen eines untergehenden Imperiums, das, wenn man Beatty Glauben schenken darf, nur noch durch die Ehrlichkeit gerettet werden kann. Wie weit es sich hierbei um bereits Bekanntes handelt, darüber lässt sich streiten.


Wahlkampfmanager Murphy (Oliver Platt links) sieht mit Entsetzen dem Wandel des Senators zu.
Doch in einem Land, das zwei Weltkriege praktisch unbeschadet überstanden hat, und das nach dem grossen «Coca Cola»-Feldzug die Welt von der Stärke seines «Way of Life» überzeugen wollte und nun gebrochen am Boden liegt, mit mehreren hundert Millionen unzufriedenen Menschen, ist ein solcher Film absolut unverzichtbar. Mag «Wag the Dog» ein wichtiges Statement zum Thema US-Politik gewesen sein, gelang es Beatty, die Hysterie und die Substanzlosigkeit, die in seinem Land überhand genommen hat, zu dramatisieren und auch zu sezieren. Mit spitzen Pfeilen schiesst er heilendes Gift auf jene (nicht nur politische) Parteien ab, die in den letzten fünfzig Jahren Amerika hinauf- und danach heruntergewirtschaftet haben. Versicherungen, Ölfirmen, die Waffenindustrie haben dafür gesorgt, dass «das Land der Freien» zu einem subtilen Polizeistaat mit verwischter Rassentrennung und entsprechender sozialer Ungerechtigkeit geworden ist. Dennoch ist Bulworth kein Pro-Black-Movie. Beatty setzt die schwarze Bevölkerung nur Ansatzweise in die Opferrolle und betont die mentale Verfassung der Schwarzen, die von Resignation und dem latenten Hang zum Verbrechen als logische Konsequenz dominiert wird.

Für Beatty gibt es das Schwarzweiss-System nicht mehr, sondern nur noch das Richtige oder das Falsche, die Lüge oder die Wahrheit. Bulworth ist die Wahrheit.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Bulworth (1998)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Warren Beatty
Drehbuch:Warren Beatty
Jeremy Pikser
Produktion:Warren Beatty
Pieter Jan Brugge
Koproduktion:Frank Capra III
Victoria Thomas
Ausf. Prod.:Lauren Shuler-Donner
Kamera:Vittorio Storaro
Schnitt:Robert C. Jones
Billy Weber
Musik:Ennio Morricone
Ausstattung:Dean Tavoularis
Kostüme:Milena Canonero
Besetzung:Kimberly Deauna Adams
Sean Astin
Kirk Baltz
Ernie Banks
Christine Baranski
Warren Beatty
Halle Berry
Don Cheadle
Kevin Cooney
Stanley DeSantis
Dartanyan Edmonds
Larry King (I)
Mimi Lieber
Laurie Metcalf
Michele Morgan (II)
Oliver Platt
Adrian Ricard
Bee-Be Smith
Paul Sorvino
Jack Warden
Isaiah Washington
Jermaine Williams
John Witherspoon
 
Länge:108 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:20th Century Fox
CH Verleih: 20th Century Fox


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