Bure Baruta (1998)

Eine Belgrader Nacht


von Lisa Heller


Mit verzerrt melancholischer Miene lädt Conférencier Boris zur Belgrader Nacht. Seine Stimme kündet von einem von Gewalt und Schrecken bestimmten Dasein, von «ethnische Spannungen, Bürgerkrieg, Bruderkrieg» - wir befinden uns im gotisch anmutenden «Cabaret Balkan». In dieser Nacht trifft ein Taxifahrer auf den Polizisten Dimitri, der sein Leben verändert hat. In seinem Wagen kehrt Mané auf der Suche nach seiner alten Liebe nach Belgrad zurück. Später kurvt das Taxi ziellos in der Stadt herum, auf dem Rücksitz ein Mann mittleren Alters nach einem Boxkampf mit seinem Freund. Auf seiner Tour kreuzt das Taxi Alex, auf halsbrecherischer Spritztour, die Sekunden später in einer harmlosen Carambolage endet. Ana gerät auf dem Weg zum Rendezvous an einen jungen 'Rebell', der einen Bus mit gleichgültig auf den Kaffee trinkenden Chauffeur wartenden Passagieren entführt. Die cholerische Szene ihres Freundes endet in Gesellschaft eines Mafiosi. Dessen Helfer, ein junger bosnischer Flüchtling, nimmt Reissaus und wird von wütenden Quartierbewohnern für einen Benzindieb gehalten. Der Taxifahrer schaut der Szene tatenlos zu.


Das Leben steht Kopf

Jeder Mann ein Pulverfass

Bure Baruta basiert auf dem gleichnamigen Stück des 26-jährigen Mazedoniers Dejan Dukovski. Erklärtes Ziel des Belgrader Regisseurs Goran Paskaljvic war es, in seinem Film die Befindlichkeit gewöhnlicher Menschen in Serbien vor dem Hintergrund des jahrelangen Kriegszustandes, des autoritären Regimes und der durch das Embargo verursachten Verarmung und Kriminalität darzustellen. So verlegte er die Handlung auf eine Nacht im Nachkriegs-Belgrad des Frühlings 1998, wo Leute Benzin stehlen oder eine bosnische Flüchtlingsfamilie in einer Garage logiert, deren Vater, ein Professor, als Buschauffeur arbeitet, während der Sohn ins kriminelle Millieu abdriftet. Der Befindlichkeit der Menschen nähert sich Paskaljevic über die einzelnen, virtuos verflochtenen Episoden, in denen sich die Schicksale verschiedener Menschen kreuzen. Sei es ihre Vergangenheit, welche die Menschen treibt und einholt oder aber ein unmittelbarer, banaler Anlass ­ was quer durch die Episoden zu einem feinen, roten Faden gerinnt, ist ein hyperangespanntes Klima, in dem jeder Mann sprichwörtlich einem wandelnden Pulverfass gleicht. Im Inneren der Figuren selber, ihren Geschichten und Emotionen liegen die unmittelbaren Ursachen für sich urplötzlich und masslos bahnbrechende Aggressionen und Gewalt. Dieser Logik entspricht es, dass der Eifersuchtsanfall des Freundes von Ana aufgrund des sexuellen Übergriffs, von dem sie ihm erzählt, an Heftigkeit dem Verwüstungsexzess jenes Mannes gleicht, der einen Kratzer an seinem Auto rächen zu müssen glaubt. Über die Vielgesichtigkeit dieser absurden Gewaltspirale legt Paskaljevic schonungslos das Bild einer zunehmend desintegrierten und reichlich männlich dominierten Gesellschaft bloss, in der das Recht des Stärkeren gilt, in der das Opfer von gestern aber auch im Handumdrehen zum Täter von heute wird.


Hoffnungslosigkeit

Cabaret Balkan

Als wiederkehrendes Motto, Ausgangs- und Endpunkt von Bure Baruta ist die Überschrift «Cabaret Balkan», das Cabaret als Kommentator der balkanischen Tragödie, auch Programm: der verrückte schwarze Humor, wie wir ihn aus Filmen Kusturicas kennen, steht der Härte und Wucht des Films an Vitalität in nichts nach. Dass einem dennoch das Lachen im Halse stecken bleibt, liegt nicht nur am Realismus des Films, sondern vor allem an der gekonnten Vermischung komischer und tragischer Elemente, der Wut und Verletzung, die sich im Witz und Spott breitmachen, der Übertreibung, die fatale Formen annimmt ­ Humor als fatalistische Überlebensstrategie dessen, der glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben. Genauso wenig halbherzig ist der Film aber auch auf seiner Kehrseite der Gewalt, in seinen leiseren, zärtlichen und sehr menschlichen Tönen, jenen der geteilten Trauer, der Liebe oder des schmerzlichen Verlusts. Alles ist extrem in dieser jugoslawisch-französischen Koproduktion, in der der Regisseur viel Fingerspitzengefühl beweist und ein Staraufgebot von SchauspielerInnen verpflichten konnte, unter ihnen Lazar Ristovski, Miki Manojlovic und Mirjana Jokovic. Die Nacht, auch Symbol für die Dunkelheit, die sich auf Jugoslawien gelegt hat, endet in einer Art Kreuzigungsbild, das sich in lichtem Weiss auflöst ­ und dann prostet uns Boris aus dem Cabaret auf die Gesundheit zu.


Schwarzer Humor


Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Bure Baruta (1998)
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Goran Paskaljevic
Drehbuch:Zoran Andric
Filip David
Dejan Dukovski
Goran Paskaljevic
Produktion:Antoine de Clermont-Tonnerre
Ausf. Prod.:Dejan Vrazalic
Kamera:Milan Spasic
Schnitt:Petar Putnikovic
Musik:Zoran Simjanovic
Besetzung:Mira Banjac
Ivan Bekjarev
Aleksandar Bercek
Voja Brajovic
Bogdan Diklic
Milena Dravic
Nebojsa Glogovac
Mirjana Jokovic

Dragan Jovanovic

Mirjana Karanovic

Miki Manojlovic

Toni Mihajlovski
Nebojsa Milovanovic
Dragan Nikolic (I)
Nikola Ristanovski
Lazar Ristovski (I)
Ana Sofrenovic
 
Länge:100 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:GRADSKA
KINA
MACT
MINE
STEFI
TICKET
VANS
CH Verleih: Xenix Filmdistribution


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