Café con Leche

Nach dem grossen Erfolg der Lebensgeschichte von Antonia kommt jetzt eine weitere Familienchronik in die Kinos. Mit erstaunlich viel Feingefühl skizziert diese amerikanische Produktion das Leben und Sterben einer mexikanischen Familie in der vermeintlichen Engelsstadt.



Der Jüngling José Sanches (20ies: Jacob Vargas, 50ies/80ies: Eduardo Lopez Rojas) entschliesst sich eines schönen Tages, sein kleines mexikanisches Dörfchen zu verlassen und in die grosse Stadt Los Angeles im sagenumwobenen Amerika auszuwandern. Nach einer einjährigen Wanderschaft erreicht er sein Ziel und findet Unterschlupf bei El Californio (Leon Singer). Hier beginnt eine bewegte Lebensgeschichte, erzählt von Josés Sohn Paco (Edward Joames Olmos)


Gute Nachrichten?

"The rooms were planned much more..."

Bei seiner Arbeit als Gärtner trifft José die schöne Maria (20ies: Jennifer Lopez, 50/80ies: Jenny Gago), sie verlieben sich, heiraten und bekommen Kinder. 1933 dann das grosse Unglück: Während der Wirtschaftskrise sammelt die Polizei willkürlich Leute mit mexikanischem Aussehen, ob mit oder ohne amerikanischen Pass, ein und deportiert sie nach Mexico. Die erneut schwangere Maria ist eines der Opfer. Im Zwangsexil kommt Chucho (Esai Morales) zur Welt. Auf einer veritablen Apokalypse gelangt Maria zu Fuss zurück nach LA, die Familie ist wieder vereint.

Chucho kann mit dem einfachen Leben seines Vaters nichts anfangen und verstickt sich in immer gewalttätigeres Bandengehabe. Es kommt, wie es kommen muss: Bei fällt Chuchos Rivale in dessen Messer und stirbt. Nach einem kurzen Versteckspiel schliesslich wird Chucho von der Polizei kaltblütig erschossen. Und sein jüngster Bruder Jimmy (Jimmy Smits) sieht dabei zu.


La Familia

"...than the kids were."

Nach diesem traumatischen Erlebnis gerät Jimmys Leben aus den Fugen. "Er hat alles Pech der Familie aufgebürdet bekommen." Er rebelliert gegen das System und alles, was sich darin bewegt. Mit viel Überredungskunst bringt seine Schwester ihn gar dazu, die illegal eingewanderte Isabel (Elpidia Carrillo) zu heiraten um ihr Abschiebung und Gefängnis zu ersparen. Doch erstens kommt es anders und zweitens verlieben sich die beiden ineinander und Irène wird schwanger. Sie stirbt bei der Geburt. Erst Jahre später versucht Jimmy, eine Beziehung zu seinem Sohn little Carlitos (Paul Robert Langdon) aufzubauen.

Zum Schluss sind alle Kinder von zu Hause weggezogen und die ergrauten Maria und José blicken zurück auf ein bewegtes und glückliches Leben - bei einer Tasse des so heiss geliebten Cafe con Leche.


"Mi cafechitto!"
Regisseur und Drehbuchautor Gregory Nava hat sich schon in El Norte mit den Träumen und dem Erwachen von Emigranten in den USA befasst, aber mit Cafe con Leche (in den USA: Mi Familia, My Family) wagt er sich zum ersten Mal an die Chronik gleich mehrerer Generationen einer Emigrantenfamilie. Kein einfaches Unterfangen, wandeln solche Filme doch immer auf einem schmalen Grad zwischen belanglosem Geschichtenerzählen und überladener Effekthascherei. Gregory Nava umschifft diese Klippen souverän und baut eine Atmosphäre auf, in die einzutauchen sich wirklich lohnt.

Die Besetzungsliste ist schier endlos, handelt der Film doch über drei Generationen einer Grossfamilie. Dabei sind die Schlüsselrollen treffend und überzeugend besetzt. Last but not Least spielt die Musik eine tragende Rolle. Sie dokumentiert nicht nur den Fluss der Zeit, sondern auch den Wertewandel über die Generationen. Dominiert bei José noch das Traditional "Rosa de Castilla", lebt Chucho in der Welt des Mambo und später begleitet Jimmy die Musik der "Los Lobos". Der Soundtrack ist ein Panakustikum, in das sich ein Hineinhören allemal lohnt.

Sven Schwyn

Angaben zum Film



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