Casino

"Ein Spielcasino zu führen ist, wie eine Bank auszurauben - nur ohne Cops"



Las Vegas 1973: eine Stadt des Glitters und der Träume. Heimat für Spieler, Scharlatane und glamouröse Showgirls. Spielwiese für Milliardäre, Politiker, Buchmacher, Kredithaie, Drogenhändler, Zuhälter und andere zwielichtige Zeitgenossen. Mekka für 30 Millionen Touristen und Spieler, die mit grossen Hoffnungen anreisen - um hier jedes Jahr zehn Milliarden Dollar zurückzulassen. Vorallem aber ist die Casino-Stadt mitten in der Wüste das Paradies für die Mafia.

Sam "Ace" Rothstein (Robert De Niro) ist ein cooler Spieler, der mit jahrelanger Übung, System und extremem Perfektionismus jede Wette regelrecht zu wittern weiss. Die grossen Bosse des Mittleren Westens kennen seine Genialität, und machen aus ihm, bislang Buchmacher in der Provinz, den Geschäftsführer des "Tangiers Hotel and Casino". Innert kürzester Zeit vervielfacht er mit seinem effizienten Management den Profit, vorallem denjenigen für die Mafia. Denn die Casinos von Las Vegas scheinen nach aussen legale Betriebe zu sein, doch in Wirklichkeit handelt es sich um gewaltige Geldmaschinen für das organisierte Verbrechen, regelmässig wird kofferweise Geld aus den Zählräumen abgezweigt.

Ace geht in diesem Job regelrecht auf, er kennt dank seiner Vergangenheit alle Tricks, die er nun nicht nur dazu benutzt, gegenüber den Falschspielern die Oberhand zu behalten, sondern er setzt seine Erfahrung auch ein, um möglichst viel aus den zum Teil erlauchten Gästen des Tangiers herauszuholen. Sein Ansehen in der Spielerstadt ist gross, so ist es ihm ein Leichtes, Ginger McKenna (Sharon Stone) für sich zu gewinnen. Sie ist eine stadtbekannte, verführerische (Falsch-) Spielerin und ein Vamp. Obwohl sie offen zugibt, ihn nicht wirklich zu lieben, heiraten die beiden, denn Sam wünscht sich eine Familie, und Ginger ist geil auf sein Vermögen und Sozialprestige. Beider Wünsche gehen in Erfüllung, Sam wird Vater und Ginger bekommt von ihm jede Menge sündhaft teure Geschenke. Bald merkt sie aber, dass sie im goldenen Käfig sitzt: Ace hat vor lauter Arbeit wenig Zeit für seine Frau, macht ihr aber einengende Vorschriften. Ginger greift zunehmend zu Alkohol und Tabletten, die leidenschaftliche Beziehung verwandelt sich in einen selbstzerstörerischen Akt. Je besitzergreifender Sam sich verhält, um so mehr wendet sich Ginger von ihm ab.

Um Sam in den Augen zu behalten und ihn zu beschützen, vorallem aber um ihre Position weiter abzusichern, schicken die Mafiabosse Nicky Santoro (Joe Pesci) nach Vegas. Er ist ein guter Freund von Ace aus alten Zeiten, schon in der Provinz waren sie eine Art Team. Denn während sich Ace als der elegante, kühl abwägende Lenker bewährt, ist Nicky der impulsive, verbissene und brutale Mann fürs Grobe, ein echter Gangster, der sich nicht nur in Diebstahl und Erpressung bestens auskennt, sondern auch selber gerne zuschlägt. Er besitzt das Vertrauen der Bosse, beginnt sich aber bald mehr um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Auch für ihn ist Las Vegas eine Goldgrube, die er ohne Rücksicht ausbeuten will. Sein Motto: "Die Probleme der Stadt lassen sich am besten in der Wüste lösen. Es gibt viele Löcher in der Wüste. Und ebenso viele Probleme sind dort beerdigt." Dank seinen Beziehungen entwickelt er bald eine ähnliche Machtfülle wie Ace in Las Vegas.

Nachdem er wegen Betrügereien im grösseren Stil in allen Casinos ein Hausverbot erhält, geht Nicky zu noch risikoreicheren Diebstählen und Erpressungen über. So ist es kein Wunder, dass die Bundesbehörden auf die chaotischen Zustände in Las Vegas aufmerksam werden. Vorallem aber verändert sich die Freundschaft von Nicky und Ace dramatisch unter dem Einfluss von Misstrauen, Geld, Liebe, Eifersucht und Betrug. Es kommt, wie es kommen muss: die gigantische Mafia-Maschinerie gerät ausser Kontrolle - am Ende steht ein explosives Finale.

"Casino ist kein ausgesprochener Mafia-Film" sagt Regisseur Martin Scorsese, "er erzählt vielmehr von Menschen in Las Vegas zur Zeit des Niedergangs dieses Spielerparadieses".

Scorsese macht es sich nicht einfach, mischt sein Film doch klassische Vegas-Elemente, politische und historische Untertöne, das Zusammentreffen von Gesetz und Mafia und das persönliche Beziehungsgeflecht von Ace, Ginger und Nicky. Der Spagat zwischen all diesen Themen gelingt ihm sehr gut, wobei er nicht nur an der Oberfläche bleibt, sondern die Charaktere der Akteure gut ausleuchtet. So bietet Casino für Scorsese, der sich in seinen Filmen schon immer für den übertriebenen Stolz und die Eitelkeiten seiner Figuren interessiert hat, ein klassisches Thema: "Das ist die älteste Geschichte der Welt: durch ihren Stolz verlieren die Menschen das Paradies. Hätten sie richtig gehandelt, wären sie noch immer dort." Aber es geht ja vorallem um Macht in Casino: "Zu einem gewissen Grad ist Vegas ein Ort, wo Macht zur Droge wird. Alles ist viel superlativer. Und es kann sehr schwierig werden, es hier nicht zu übertreiben".

Die erwähnten Eitelkeiten bringen die Hauptdarsteller allesamt sehr gut auf die Leinwand. De Niro glänzt im wahrsten Sinne des Wortes in seinen kitschig farbigen Anzügen, er mimt den perfektionistischen Spieler unglaublich gut und auch die heftigen Szenen der Ehekrise werden nicht nur von ihm, sondern auch von Sharon Stone perfekt gemeistert. Stone kann sich in diesem Film endlich als Charakterdarstellerin beweisen, sie überzeugt in der Darstellung einer Powerfrau, die am Verlust ihrer Unabhängigkeit zerbricht, Ihre Oskarnomination ist sicherlich berechtigt. Der Gangster Nicky ist mal zum Schreien komisch, mal ekeln sich die Zuseher richtiggehend vor ihm, schlussendlich wird wohl mancher Mitleid mit ihm empfinden, auf jeden Fall eine reife Leistung, die Joe Pesci da demonstriert. Auch die Nebendarsteller überzeugen, von den "alten fetten Herren", den Mafiapaten bis zu dem unsympathischen Lokalpolitiker, der Sam daran erinnert, dass ohne gute Beziehungen zur Politik nichts läuft in Las Vegas. Auch Leute, die das Las Vegas jener goldenen Jahre kannten, spielen mit, so der Komiker-Veteran Don Rickles (als Casino-Manager Billy Sherbert): "Billy ist eine Kombination von Leuten, die ich kannte. Die Rolle fiel mir nicht schwer, schliesslich bin ich hier aufgewachsen und kenne alle diese Typen aus der Wirklichkeit. Wenngleich Vegas von der Mafia kontrolliert war, mochte ich es, dass es damals noch einen einzigen Boss gab und nicht diese Unternehmen wie heute. Man ging ins Büro und traf einen Typen, wie De Niro ihn spielt. Den fragte man nach Geld - das war alles ganz familiär. Heute ist es, als arbeitet man für eine Bank."

Wie schon bei The Age of Innocence überzeugt Scorseses Perfektionismus bei der authentischen Ausstattung. Gedreht wurde nachts im echten "Riviera"-Casino (das vor fünf Jahren im Still der 70er renoviert wurde) während im Hintergrund die Nachtschwärmer unbeeindruckt weiterspielten. Die Einrichtung und natürlich die Kostüme lassen die 70er Jahre in Casino wahrlich wieder aufleben. Ein besonderer Leckerbissen ist ausserdem der sehr umfangreiche Soundtrack, die Musik spielt zum Teil eine tragende Rolle bei Szenen, in denen eine besondere Dynamik vermittelt werden soll.

Fazit: Casino ist ein Film für diejenigen, die sich gerne einen Abschnitt aus dem Leben von interessanten, kontroversen Figuren und aus der Geschichte von Las Vegas anschauen wollen und natürlich für Liebhaber von Mafiageschichten. Der Film bietet natürlich nicht die vollen drei Stunden Hochspannung, darauf ist er auch nicht ausgelegt, Langweile kam aber zumindest bei mir nicht auf, da es wirklich zu jeder Minute interessante Details und vorallem hervorragende SchauspielerInnen zu bewundern gibt.

Bewertung: ***** (von 5*)

Daniel Schneider

"Meine Absicht als Regisseur ist, das Publikum zu provozieren. Was meine Figuren tun, ist moralisch falsch, aber der Film beurteilt das nicht. Die Leute machen einfach ihren Job: wer eine bestimmte Grenze überschreitet, ist tot. So funktioniert dort nun einmal das Geschäft. In dieser Welt sieht die Normalität so aus. Wir haben in Casino viele Figuren und viel Information. Deshalb arbeiten wir mit einfachen Szenen und viel Erzählkommentar aus dem off - und jede Szene geht schnell, schnell, schnell. Nur so kann man dem Publikum zeigen, wie diese Leute leben. Nur so versteht man ihr Verhalten."
Martin Scorsese

Angaben zum Film



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