Chamber, The (1996)

Junger, ehrgeiziger Anwalt will seinen zum Tode verurteilten Grosspapa retten: Eine potentiell rührende Geschichte. Aber etwas stört den Tränenfluss: Grosspapa zeigt keine Reue, Grosspapa ist ein mieser, unverbesserlicher Rassist.


von Thomas Lüthi


Im Parchman-Zuchthaus in Mississippi wartet Sam Cayhall (Gene Hackman) auf seine Hinrichtung. Bei einem Bombenanschlag im Jahre 1967 kamen zwei Kinder ums Leben. Für diese Tat soll Cayhall büssen: In 28 Tagen wandert er ­ so will es das Todesurteil ­ in die Gaskammer. Sein Enkel, der Anwalt Adam Hall (Chris O'Donell) sucht den verbitterten alten Mann auf und bietet ihm die Verteidigung an. Er will die Unschuld seines Grossvaters beweisen. Dieses Angebot gründet natürlich nicht nur auf Motiven der Selbstlosigkeit. Adam Hall möchte mehr über die Abgründe seiner Familie erfahren. Was trieb seinen Vater, Sam Cayhalls Sohn, in den Selbstmord? Was machte dessen Schwester und Adams Tante Lee Bowen (Faye Dunaway) zur Alkoholikerin? All diese Fragen wollen geklärt werden. Doch die Zeit rennt Adam natürlich davon.


Auch die Medien kriegen ihr Fett weg.

Vergebenes Potential

Eine wahrlich spannende Ausgangslage für ein erstklassiges psychologisches Kammerspiel würde diese Grisham-Adaption bieten. Doch im Gegensatz zu den früheren Verfilmungen, als Vorlagen schon geschliffene Thriller ohne jeglichen spasshemmenden Ballast waren (wie The Firm oder The Client), findet sich in The Chamber kein echter roten Faden. Die Beziehung Grossvater-Enkel wäre dafür durchaus geeignet, doch darauf wollte sich John Grisham (der auch bei dieser Produktion ein wesentliches Wörtchen mitzureden hatte) wohl nicht beschränken lassen. Und so ist eben ein Film entstanden, der dieser gegenwärtig in Hollywood grassierenden Seuche erlegen ist, alles auf einmal sein zu müssen. Nicht nur Kammerspiel, nein, Politklüngeleien, Medienmaschine, Rassismus, Vergangenheitsbewältigung und die Diskussion über die Todesstrafe müssen ebenfalls gleichberechtigt thematisiert werden. Der Zuschauer irrlichtert zwei Stunden lang durch einen unstrukturierten Haufen Zelluloid, kann sich nicht so recht orientieren, darf seinen Blick ein bisschen nach hier und nach dort richten, stolpert dann wieder ins Freie und hat alles vergessen.


Virtuos: Faye Dunaway

Keine Figuren sondern Stars

Wie nicht anders zu erwarten war, schillert Gene Hackman auch in The Chamber. Aber aufgrund seiner Brillianz tritt ein weiterer Schwachpunkt umso deutlicher hervor: Chris O'Donell. Man kann die Körpergrösse eines Sylvester Stallone durch kleinere Darsteller kompensieren oder John Wayne ein Toupet aufsetzen, um ungebrochene Virilität zu suggerieren, doch darstellerische Defizite lassen sich schwerer kaschieren. So wird O'Donell von allen seinen Partnern gnadenlos an die Wand gespielt. Es ergeben sich keine glaubwürdigen Situationen: Da sind kein feuriger Anwalt und kein zum Tode verurteiltes rassistisches Arsch auf der Leinwand zu sehen, sondern ein überschätzter Jungstar, der auf einen Schauspielgiganten trifft, dem wir einmal mehr bei der Arbeit zusehen dürfen. Nur selten berührt das Geschehen, beim Abschied zwischen Cayhall und seiner Tochter beispielsweise. Dunaway und Hackman sorgen wohl für den emotionalen Höhepunkt von The Chamber.

Goldige Aussichten

Auch wenn The Chamber zu den misslungenen Grisham-Verfilmungen zählt, darf man doch auf die weiteren Adaptionen gespannt sein. The Rainmaker und Runaway Jury, zwei hervorragende Romane, in denen das amerikanische Rechtssystem auf seine Schwächen abgeklopft wird, stehen auf dem Programm. Prominente Namen sind an diesen Projekten beteiligt. Regie bei The Rainmaker wird Francis Ford Coppola führen. Auf der Besetzungsliste von Runaway Jury fungieren Edward Norton und Gwyneth Paltrow, der Regisseur steht hier noch nicht fest. Und es geht noch weiter: Gingerbread Man, ein älteres Buch des Ex-Anwaltes, soll ebenfalls verfilmt werden. Regie, man lese und staune, Robert Altman und in der Hauptrolle Kenneth Branagh.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Chamber, The (1996)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Foley, James
Drehbuch:Goldman, William
Grisham, John
Reese, Chris
Produktion:Davis, John (I)
Grazer, Brian
Howard, Ron
Snow, Karen
Ausf. Prod.:Friendly, David T.
Kehela, Karen
Kidney, Ric
Kamera:Baker, Ian
Schnitt:Warner, Mark
Musik:Burwell, Carter
Ausstattung:Brisbin, David
Kostüme:Tynan, Tracy
Besetzung:Allen, Bonita
Barraza, Jana
Barry, Raymond J.
Bell Flynt, Stephanie
Bradford, Richard
Davison, Michelle
Dunaway, Faye
Grant, David Marshall
Hackman, Gene
Jackson Winters, Gloria
Jackson, Bo
Kaczmarek, Jane
O'Donnell, Chris
Perkins, Millie
Presnell, Harve
Prosky, Robert
Pryor, Nicholas
Rochon, Lela
Sommer, Josef
Wilson, Ruby L.
 
Länge:111 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:DTS
Prod.-firma:Davis Entertainment
Imagine Entertainment
CH Verleih: United International Pictures


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