Chat noir, chat blanc (1998)

Wie schön, dass nicht alles, in Enttäuschung und Wut ausgesprochen, für bare Münze genommen werden kann. Sonst wäre uns Emir Kusturicas neustes Balkanjuwel bestimmt verwehrt geblieben.


von Serge Zehnder


Mit einem Film fing der Rückzug an. Ein dreistündiges «Epos» über den jugoslawischen Bürgerkrieg, das in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wurde, und im Verlaufe seiner Veröffentlichung zu grossen Kontroversen führte, kumulierte schliess darin, dass man dem Werk vorwarf, den Konflikt zu simplifizieren und zu verzerren. Regisseur Kusturica zog die Konsequenzen und gab seinen frühzeitigen Rücktritt aus dem Filmgeschäft bekannt. Wahrscheinlich benötigte er nach seiner Mammut-Produktion «Underground» einfach nur eine Pause, und so ein Statement ist eine willkommene Möglichkeit, die Befragungen über ein nächstes Projekt zu vermeiden. Ganz ernst hat er es dann aber nicht gemeint (oder doch, ist ja auch egal), und begab sich wie schon bald zehn Jahre zuvor wieder unter die Zigeuner.


Matko (Severdzan) geht zum Zigeunerpaten Grga (Bekir), was ihn in noch grössere Schwierigkeiten bringt.

PROBLEME, PROBLEME, PROBLEME

In gewohnt übertriebenem Stil erzählt Kusturica die Geschichte des Schwarzhändlers Matko (Bajram Severdzan), der sich mit einem Eisenbahn-Benzinschmuggel sanieren will und dabei vom von der Moderne zerfressenen Gangster Dadan (Srdan Todorovic) übers Ohr gehauen wird. Dadan, selbst im Besitz des Benzins, ist noch so skrupellos, dass er Matko für den Fehlschlag verantwortlich macht. Dadan verlangt darauf, dass Matko seinen Sohn Zare (Florijan Ajdini) mit seiner kleinwüchsigen Schwester Afrodita (Salija Ibraimova) vermählt, da diese trotz dem Gelübde, welches Dadan gegenüber seinen verstorbenen Eltern gemacht hat, immer noch nicht unter der Haube ist. Zusätzlich erschwert werden die Umstände dadurch, dass Zare in die junge Kellnerin Ida (Branka Katic) verliebt ist, und Matko beim Oberzigeunerpaten Grga (Adnan Bekir) in der Kreide steht. Von ihm hat sich Matko nämlich das nötige Kleingeld für den missglückten Coup geborgt.
Liebe, Verbrechen und eine ungewollte Hochzeit, alles unter einen Hut gebracht. Toll, was?!


Junge Liebe zwischen Zare (Ajdini) und Ida (Katic)

HYSTERIE ZUM VERLIEBEN

Nein, ganz ehrlich, Kusturica hat sich mit diesem Film wohl den ganzen Frust nach dem «Underground» (Miss-)Erfolg von der Seele weginszeniert. Bildstark (Luc Bessons Kameramann Thierry Arbogast («The Fifth Element») schwelgt in dreckig-fetten Brauntönen), voll von schwarzem Humor, kruden Ideen und gewürzt mit einer Prise unverständlich liebenswerter Symbolik (eine schwarze und eine weisse Katze, hm.. mal nachdenken?) Was soll's, «hineininterpretieren» macht nur bei Kusturica so viel Spass. Und der Regisseur scheint auch seine Freude an der Arbeit wiedergefunden zu haben. Denn hier befinden sich Menschen, die er kennt und liebt. Die meisten seiner Darsteller sind echte Zigeuner, die, da Analphabeten, ihre Dialoge unter Mithilfe eines Coaches phonetisch auswendig lernen mussten. Keine Politik, keine patriotischen Bekundungen, zieht Chat Noir, Chat Blanc seine Wirkung aus der Freude am Leben, an der Jugend, am Alter und an der Verbindung zwischen den Altersgruppen. Kusturica dreht wie gewohnt Tempo und Wahnsinn immer mehr bis zum Punkt auf, wo man nur noch schwarz und weiss sieht und sich für das einzig Richtige entscheiden muss. Hoppla, war das eine Interpretation des Titels? Wie auch immer, seht Euch den Film selber an, er ist zu wohltuend, um verpasst zu werden.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel: Chat noir, chat blanc (1998)
Land:
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Emir Kusturica
Drehbuch:Emir Kusturica
Gordan Mihic
Produktion:Karl Baumgartner (III)
Koproduktion:Marina Girard
Ausf. Prod.:Maksa Catovic
Kamera:Thierry Arbogast
Schnitt:Svetolik Zajc
Musik:Voja Aralica
Dr. Nele Karajlic
Dejo Sparavalo
Ausstattung:Mile Jeremic
Kostüme:Nebojsa Lipanovic
Besetzung:Ljubica Adzovic
Florijan Ajdini
Severdzan Bajram
Jasar Destani
Salija Ibraimova
Branka Katic
Predrag Lakovic
Zabit Memedov
Stojan Sotirov
Sabri Sulejman
Srdjan ¨Todorovic
 
Länge:135 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:CiBy 2000
Komuna Film
Pandora Film
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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