City Hall

Auf welcher Seite stehen sie?



Als bei einer Schiesserei ein Cop, ein Mafioso und ein sechsjähriges Kind getötet werden, scheint dies zunächst nur ein weiteres der alltäglichen und furchtbaren Verbrechen auf den Strassen New Yorks zu sein. Doch als der idealistische und zugleich ehrgeizige Kevin Calhoun (John Cusack), Vizebürgermeister und rechte Hand des charismatischen Bürgermeisters John Pappas (Al Pacino), damit beginnt, die Umstände der Tragödie zu untersuchen, stösst er in ein Wespennest der Machtkämpfe und Manipulationen, die bald weitere Morde nach sich ziehen. Warum wurde der getötete Gangster kurz vor der Tat von dem ehrenwerten Richter Walter Stern (Martin Landau) widerrechtlich auf freien Fuss gesetzt? Unter welchem politischen und persönlichen Druck stand der Brooklyn-Bezirkschef Frank Anselmo (Danny Aiello), zu dessen guten Kontakten eine langjährige Freundschaft mit dem Mafia-Paten Paul Zapatti (Tony Franciosa), dem Onkel des getöteten Mafioso, zählt? Und könnte es sein, dass Bürgermeister Pappas tatsächlich in das Netz der subtilen Intrigen, heimlichen Bestechungen und verhängnisvollen Freundschaftsdienste verwickelt ist?
An der Seite der Anwältin Marybeth Cogan (Bridget Fonda) macht sich Calhoun mit detektivischer Kleinarbeit daran, Licht auf den Graubereich zwischen Gut und Böse, zwischen politischer Moral und Amtsmissbrauch zu werfen. Und dabei gerät nicht nur sein eigenes Leben in Gefahr. Als er nach und nach die Machenschaften einflussreicher Männer enttarnt, wird am Ende sein Weltbild aus den Fugen gerissen und auch er steht vor der schwierigen Wahl, sich zwischen politischem Erfolg und einer weissen Weste zu entscheiden.

City Hall ist kein Actionfilm oder einer der üblichen Hollywood-Machtthriller. Dies sei gleich zu Anfang an klar gemacht, denn wer so etwas erwartet, wird wohl enttäuscht werden, dem Film wurde jedenfalls häufig vorgeworfen, langweilig zu sein. Dem ist meiner Meinung nach überhaupt nicht so: City Hall ist im Gegenteil eine sehr intelligente und trotzdem fesselnde Analyse der Machtstrukturen in einer US-amerikanischen Stadt der Gegenwart.
Zwar werden in New York täglich Dutzende Menschen umgebracht, die Öffentlichkeit ist aber erst dann richtig schockiert, wenn zum Beispiel ein ein junger Polizist oder gar ein unschuldiges Kind getötet wird. So ein Ereignis kann sogar das Image des Bürgermeisters gefährden, der ausserdem noch Ambitionen hat, ins Weisse Haus aufzusteigen. So muss sofort Schadensbegrenzung betrieben werden, die Presse will beruhigt und mit den richtigen Informationen versorgt werden, sodass die Stadtregierung in der öffentlichen Meinung nicht allzu schlecht davonkommt. Gleichzeitig gilt es, die Tagesgeschäfte in Gang zu halten. Calhoun und Pappas fungieren dabei als perfekt eingespieltes Team. Der junge aber erstaunlich politbegabte Calhoun sammelt hinter den Kulissen Informationen, zieht Drähte und hält mit pragmatischer Zielstrebigkeit seinem väterlichen Boss den Rücken frei. Bürgermeister Pappas tritt derweil souverän vor die Medien, tröstet die Hinterbliebenen und lässt tatsächlich so etwas wie moralische Verantwortung für das Unglück spüren.

Sehr schön wird der Filz aufgezeigt, der zwischen Politik und Wirtschaft herrscht. Bürgermeister Pappas sorgt zum Beispiel mit Cleverness, politischem Kalkül und sanftem Druck dafür, dass ein grosses Bauvorhaben in die Wege geleitet wird, das nicht nur viele Arbeitsplätze und damit Wählerstimmen und eine Imageaufbesserung für die Regierung bringt, sondern auch einige Bauland-Inhaber noch reicher machen wird. Der Deal ist komplex und wird inoffiziell, unter anderem beim Essen im Italienerrestaurant um die Ecke und in der New Yorker Oper abgewickelt, direkt zwischen Pappas und Frank Anselmo, mit Beteiligung von Immobilienhaien und Gewerkschaftsfunktionären. So arbeiten die Männer schon seit Jahrzehnten miteinander und verhelfen sich gegenseitig zu Macht und Erfolg. Die Darstellung dieser ehrenwerten Macher-Gesellschaft wirkt nicht zufällig so wirklichkeitsgetreu: Die Story basiert auf den Erfahrungen von Ken Lipper, des ehemaligen Stellvertreters des damaligen Bürgermeisters Ed Koch. Auch die Figur des John Pappas basiert auf realen Charaktern, darunter einige (Ex-) NY-Bürgermeister. Die Kontakte von Lipper, der die erste Drehbuchfassung schrieb und den Film produzierte, waren äußerst hilfreich. Während den Recherchen besuchten die Drehbuchautoren viele Politiker und Ex-Politiker, die heute verurteilte Straftäter, Immobilientycoons oder irgendwelche Aufsichtsräte sind und realisierten, dass diese einem inoffiziellen Insider-Club angehören, der ganz spezielle moralische Prinzipien hat und längst von der Gesellschaft abgetrennt ist.

Sowohl Al Pacino als auch John Cusack überzeugen voll in der Darstellung der Politprofis. Wer wie ich von Pacinos Rolle in Heat nicht überzeugt war, wird sich in City Hall wieder seiner Genialität bewusst, besonders heftig in einer Szene, die meiner Meinung nach in die Geschichte der Schauspielerei eingehen wird: Entgegen den Ratschlägen seiner Berater besucht John Pappas das Begräbnis des erschossenen Kindes, das in einer Schwarzen-Kirche stattfindet. Perfekt passt er sich in seiner Rede an die Gepflogenheiten der afro-amerikanischen Gläubigen und der Rhetorik ihrer Priester an und schreit dem vorwiegend schwarzen Publikum seine Trauer aber auch seine Vision von New York als einer grossartigen Metropole zu. Er schafft es dadurch, nicht nur die Trauernden und die Bürger der Stadt auf seine Seite zu ziehen, sondern auch das Filmpublikum, allein diese Szene rentiert schon den Besuch von City Hall!

Aufwendig war die Produktion dieses Filmes mit 77 Sprechrollen und fast 70 Drehorten. New York City spielt eine heimliche Hauptrolle, wurden doch alle Szenen ausschliesslich in und um NY gedreht, unter völligem Verzicht auf Studioaufnahmen. Sogar im echten Ratshaus konnte erstmals gedreht werden. Auch deswegen ist City Hall beeindruckend, der Film gibt uns tatsächlich einen tiefen und authentischen Einblick in die Polit-Szene von New York.

Fazit: Ich kann City Hall allen Leuten empfehlen, die sich für Macht, Politik und Gesellschaft interessieren*. Wer sich gar nicht für die Zustände in der US-Lokalpolitik und New York City interessiert, sollte bedenken, dass die Verhältnisse dort und in unserer Politik manchmal bedenklich ähnlich sind, man kann die Aussagen von City Hall durchaus generalisieren.
Wer aber erwartet, das in diesem Film reihenweise Politiker ermordet werden, weil sie sich nicht korrumpieren lassen wollen, wird nicht auf seine Rechnung kommen. Ich finde City Hall gerade deshalb intelligent, weil er nicht auf die ewige Action-Schiene verfällt. Wer auf Macht-Thriller voller Action steht, sollte sich lieber irgendeinen Tom Clancy-Streifen anschauen, in denen sogar Vize-Chefs des CIA in Kravatte und Anzug Geiseln in Kolumbien befreien... Da ist mir City Hall realistischer.

Bewertung: ****1/2 (von 5*)

Daniel Schneider

Angaben zum Film

* wie zum Beispiel Politologen und Soziologen (der Autor studiert Soziologie und Politische Wissenschaft an der Uni Zürich ;-)



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