Claire Dolan (1998)

Die Emanzipationsgeschichte einer Prostituierten gehört zu jenen Filmen, die dem Zuschauer sehr viel Aufmerksamkeit abverlangen, um die leisen Zwischentöne und die sanfte Entwicklung zu erkennen. Das Werk besticht durch formale und dramaturgische Konsequenz.


von Sonja Schenkel


Der Auftakt ist plakativ; zwei Minuten lang beherrschen Glasfassaden das Bild. Ein Sinnbild für das Leben der Protagonistin in anonymer Atmosphäre? Claire ist eine Edelnutte in Manhattan. Per Telefon flüstert sie ihren Kunden verheissungsvolle Versprechungen zu. Reagiert einer, lässt Claire ihren braunen Mantel fallen. Aus der hageren, unauffälligen Frau im Wintermantel wird Lucy, die Frau in leichten Kleidern, eine abgeklärte Geschäftsfrau. Lucy erfüllt Geschäftsherren ihre erotischen Wünsche. Das verdiente Geld liefert sie ihrem Zuhälter (Colm Meaney) ab, um alte Familienschulden zu begleichen. Dieser hat sie gleich zweifach in der Hand. Als alter Freund der Familie bezahlt er den Aufenthalt von Claire's Mutter in einem Pflegeheim. Als diese stirbt, scheint der Bann gebrochen zu sein und Claire flieht in einen Vorort, um ein neues Leben zu beginnen. Dort geht sie sogar eine ernsthafte Beziehung ein und kann endlich den Duft der Unabhängigkeit atmen. Doch die Vergangenheit und die ausstehenden Schulden melden sich zurück. Claire nimmt in Manhattan wieder die Rolle der Lucy an. Zwar spielt sie jetzt wieder das Spiel der falschen Verführerin, doch innerlich hat sie sich verändert. Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist so stark geworden, dass sie sich von diesem Rückschritt nicht brechen lässt. Sie will ein anderes Leben, ein Leben, das ohne ihre Vergangenheit stattfinden soll.



Formale Konsequenz

Lodge Kerrigan schafft es emotionale Kälte und Verletzlichkeit parallel zu inszenieren. Lucy und das wahre Gesicht der Claire stehen für die beiden Pole und Lebenssituationen. Der Film besitzt zwar viel emotionale Tiefe, doch kommt es nie zu plötzlichen Gefühlsausbrüchen. Claire's Weg in die Unabhängigkeit ist schleichend und die innere Wandlung wird nur mit leisen Zeichen angedeutet. Keine tiefschürfenden Dialoge oder eine spannungsgeladene Handlung bringen uns ans Ziel. Der Regisseur konzentriert sich auf Farben und Einstellungen, sowie auf die schauspielerischen Leistungen seiner Protagonisten. Blau- und Grautöne dominieren das Bild. Selbst die Kostüme sind den Emotionen angepasst: Lucy trägt Eisblau, Claire wird in ihren besten Zeiten ein dunkles Violett, ein schwacher Rotton, verpasst.



Zwei Extreme

Die zwei starken Gefühle, Kälte und Verletzlichkeit wirken zum Teil bedrückend, aber auch beeindruckend, da sie so konsequent integriert wurden. Hinzu kommt eine hervorragende Katrin Cartlidge in der Rolle der Claire. Scharfkantige Züge und ihre zarte Gestalt sind ideale Voraussetzungen für die Besetzung. Kerrigan findet in seinem zweiten Spielfilm den zur Geschichte passenden Ton. Allerdings ohne Rücksicht auf jene Zuschauer, die den Kinobesuch nach Feierabend ansetzen. «Claire Dolan» ist ein überaus interessanter Film, aber sicher keine leichte Kost.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Claire Dolan (1998)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Lodge H. Kerrigan
Drehbuch:Lodge H. Kerrigan
Produktion:Ann Ruark
Kamera:Teodoro Maniaci
Schnitt:Kristina Boden
Musik:Simon Fisher-Turner
Ahrin Mishan
Ausstattung:Sharon Lomofsky
Kostüme:Laura Jean Shannon
Besetzung:Katrin Cartlidge
Vincent D'Onofrio
John Doman
Jim Frangione
Tom Gilroy
Ed Hodson
David Little
Colm Meaney
Lola Pashalinski
Maryann Plunkett
Miranda Stuart Rhyne
Kate Skinner
John Ventimiglia
 
Länge:95 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Serene Films

MK2 Productions
CH Verleih: Frenetic Film


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