Clueless

Unlustig, unkritisch und fantasielos - so sind nicht etwa die Kids in Beverly Hills, sondern dieses wahrlich "ahnungslose" Hollywood-Machwerk.



So - jetzt wissen wir es endlich. Die Teenies in Beverly Hills sind alle dümmliche Materialisten, deren Leben sich nur um eines dreht: um ihren sozialen Status, der dadurch zum Ausdruck gebracht wird, dass man nie zweimal mit der gleichen Garderobe in der Schule erscheint und sich nur mit gleichartigen In-People umgibt. Wem dies irgendwie bekannt vorkommt, dem sei verraten, dass dies die urältesten Klischees über die reichen und verwöhnten amerikanischen Kids sind. Nun, diese Klischees sollen uns wieder einmal neu verkauft werden. Während die unter Teenies auch hierzulande zum Kult avancierte Serie "Beverly Hills 90210" eine Selbstdarstellung der Hollywood-Elite ist, die dadurch auch kaum selbstkritisch sein kann, will Clueless eine unterhaltsame Satire sein.

Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Anwaltstochter Cher (Alicia Silverstone), die kaum klischeebehafteter sein könnte: Natürlich ist sie blond, langbeinig, sehr beliebt und nicht besonders gut in der Schule, was sie aber dadurch spielend wettmacht, dass sie ihre Lehrer und ihren Vater um den Finger wickelt. Sie verbringt ihre Freizeit mit Shopping (vorwiegend Kleider: "Ein Outfit hat in etwa die Haltbarkeit von UP-Milch"), Kommunikation (vorwiegend per Handy) und Selbstdarstellung, wobei sich diese drei Interessengebiete meistens überschneiden. Um doch noch einen halbwegs plausiblen Sinn ihres Daseins auf dieser Erde zu finden, betreibt sie nebenbei noch karitative Arbeit zugunsten benachteiligter Mitmenschen, so verkuppelt sie zwei nicht-gutaussehende Lehrkräfte und hilft der neuen, unscheinbaren Mitschülerin Tai (Brittany Murphy) auf die Sprünge. Diese kommt nämlich aus der Provinz und ist ziemlich "normal", was in Beverly Hills natürlich tödlich ist. Da ist ein "Makeover" angesagt, Cher und ihre beste Freundin Dionne (Stacey Dash) verpassen Tai einen neuen Look und lehren sie, wie man so richtig schön oberflächlich wird. So darf sich Tai nicht mit dem ehrlich an ihr interessierten Skater Travis (Breckin Meyer) liieren, der Chers Prüfung nicht standhält, schliesslich hat er lange Haare, kleidet sich nur unzureichend gut und vorallem gehört er zu den regelmässigen Kiffern, der untersten sozialen Klasse ("Abschaum") der Highschool. Mit ihrem eigenen Liebesleben kommt Cher allerdings nicht ganz klar. Die Highschool-Boys hält sie für ihrer nicht würdig, bis Brandon Walsh bzw. Christian (Justin Walker) auftaucht, in den sie sich ziemlich verguckt. Ziemlich lange braucht Cher dann, bis sie merkt, dass Christian auf Grund seiner sexuellen Präferenzen nur an einer platonischen Beziehung mit ihr interessiert ist. Der für sie uninteressanteste Mann ist ihr Ex-Stiefbruder Josh (Paul Rudd), ein College-Student, der R.E.M. hört, Nietzesche liest und - welch Wunder - sich für den so unbedeutenden Rest der Welt interessiert. Josh lässt sich nur widerwillig auf Diskussionen mit Cher ein, da er sie als oberflächlich und selbstherrlich ansieht, für sie ist er ein Spiesser und Mega-Out.
Zum Glück kann Cher am Schluss doch noch beweisen, dass auch sie etwas gelernt hat, sie kommt zur Einsicht, "dass es auf innere und nicht auf äussere Schönheit ankommt". Mit welchem oben erwähnten Boy sie sich dann findet, möchte ich hier nicht verraten, damit würde ich ja jegliche Spannung zerstören...

Wer nun eine belanglose romatische Komödie erwartet, liegt falsch. Jedenfalls solange man den Machern dieses Filmes glaubt, die stolz darauf sind, eine Gesellschaftssatire, die "ein cooles Bild der heutigen US-Jugend zeichnet" geschaffen zu haben.
Dies ist gleich in vielfacher Hinsicht bedenklich. Denn die heutige US-Jugend, jedenfalls die überwiegende Mehrheit, hat ganz andere Sorgen, denn sie lebt nicht im Eliten-Ghetto Beverly Hills, sondern in den gigantischen Armenvierteln eines Landes, das sich aber nach aussen dank derartigen Filmen eine schön glänzende Fassade gibt. Vielleicht wäre das Bild dieser heutigen US-Jugend zu wenig "cool" für das (amerikanische) Kinopublikum? Ausserdem ist der Film nicht wirklich selbstkritisch. Hinterfragt werden nur Dinge, die zumindest für die meisten von uns sowieso lächerlich sind, etwa das ewige Natel-Telefonieren oder "nonstop-shopping". Ausserdem ist der Film übelerregend politisch korrekt. Kiffen findet zwar sogar Cher und ihre Clique ok, aber regelmässig kiffen nur die langhaarigen Skater (Bill 'but I didn't inhale' Clinton würde sich freuen). Sex wird allerhöchstens angetönt, ein wichtiges Thema scheint er für diese Teenies nicht zu sein, ausserdem sparen sich die Mädchen natürlich für den richtigen auf. Chers beste Freundin ist Afroamerikanerin, ganz der Rassen-Quote entsprechend, die neuerdings bei Hollywoodfilmen gilt, das Thema Rassenprobleme, dass gerade bei der Oberschicht und in L.A. latent ist, wird natürlich nicht behandelt.
Sauer aufgestossen ist mir auch, dass wieder einmal vorallem die Frauen als dümmlich dargestellt werden (sie dürfen gut aussehen und dümmlich lächeln - kann auf unseren Bildern nachgeprüft werden), die Männer sind vorallem coole Machos. Der einzige vernünftige Mensch im Film ist ebenfalls ein Mann, Chers Ex-Stiefbruder Josh, der für amerikanische Verhältnisse erstaunlich weltoffen ist: Er schaut internationale Nachrichten im CNN... Als sich Cher gegenüber ihrem Vater (erfolgreicher Anwalt) beklagt, sie sei eigentlich für nichts zu gebrauchen, beruhigt dieser seine Tochter: Sie sei doch seit dem Tod der Mutter eine perfekte Hausfrau. Sind dies jetzt traditionelle Rollenverteilungen oder was?
Ausserdem - sollte eine Satire nicht lustig sein? Mich hat dieser lahme Streifen höchstens zum Schmunzeln gebracht, zu abgenutzt sind die nun wirklich zum grössten Teil klischeehaften Szenen. Eine Ausnahme ist vielleicht der "Slang", den die Baldwin's (= sehr attraktiver Mann) und Hottie's (= scharfes Teenie-Girl) benutzen, allerdings ist auch der nichts Neues für Leute, die auch schon mal ein amerikanisches Indiependent Movie geschaut haben.
Ich bin jetzt nur gespannt, ob die Rechnung des Filmverleihers aufgeht, dieses so fürchterlich auf amerikanische Verhältnisse zugeschnittene Machwerk auch den Schweizer Jugendlichen zu verkaufen. Ich glaube echt, dass unsere Jugend an intelektuellerer Auseinandersetzung mit ihren Problemen interessiert ist, womit auch der riesige Erfolg und die vielen Diskussionen um den Film "Kids" erklärt werden könnten. Es klingt wie Hohn für mich, wenn behauptet wird, in jenem Film würden "einfach irgendwelche Teenagerklischees aufgegriffen und ausgewalzt", im Gegensatz zu Clueless, wo sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Amy Heckerling "vorgängig intensiv mit dieser Welt beschäftigte - um sie dann gekonnt (...) zur karikieren."
Mit was für einer Welt hat sich denn Heckerling beschäftigt? Mit derjenigen einer absoluten Minderheit, sicher nicht mit der Welt der grossen Mehrheit der jungen Menschen. Wer eine solche Aussage formuliert, beweist, dass er absolut keine Ahnung hat, was die meisten Teenager bewegt. Auch "Kids" zeigt eine Minderheit der Jugendlichen, sicher aber regt er eben auch die Jungen zu Diskussionen über Liebe, Sex, Gesellschaft und fehlende Zukunftsperspektiven an, was ein derart langweilig belangloser Film wie Clueless nie schaffen wird.

Daniel Schneider


Angaben zum Film



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