Life on Earth und The Hole (Collection 2000 seen by...) (1998)

Zehn Mal den Jahrtausendwechsel erleben


von Sandra Walser


Die 10-teilige, multinationale Filmserie «Collection 2000 seen by...» zeigt, wie geistreich Fernsehen sein kann. Drei Beispiel werden nun in den Schweizer Kinos gezeigt.

Wenn am 31. Dezember 1999 Mitternacht naht, dann werden wir mit einer spannenden Mischung aus Optimismus und Ungewissheit ins neue Jahr blicken. Denn dieses bringt heuer auch einen Jahrtausendwechsel mit sich, einen emotional überladenen Moment, der schon auf die ihm vorangegangene Dekade eine grosse Sogwirkung ausübte. Ob man diesen historischen Augenblick nun als Ende oder als Neubeginn erleben will, er stellt in jedem Fall ein Ereignis von beispielloser gesellschaftlicher und philosophischer Bedeutung dar. Nicht minder beispiellos ist auch die Filmreihe «Collection 2000 seen by...», die sich in zehn voneinander unabhängigen Werken um die diesjährige Silvesternacht dreht.



Antizipierendes Fernsehen

Die «Collection 2000 seen by...» war vor vier Jahren noch eine Vision. Dann traten Caroline Benjo und Carole Scotta, die Alain Berliners «Ma vie en rose» produzierten, mit ihrem Projekt an den europäischen Kulturkanal «La Sept ARTE». Trotz anfänglicher Bedenken seitens der Initiantinnen stiess die geplante Filmserie sehr schnell auf Gegenliebe. Mit der Idee, multinationales Fernsehen auf dem Bildschirm zu bringen, übertrug der Kultursender Filmemachern aus zehn Nationen und vier Kontinenten die Aufgabe, einen rund 60minütigen Fernsehfilm zum Thema zu drehen und das aus Zeitgründen geschmälerte Budget von rund 1 Million Franken nicht zu übersteigen. Mit Ausnahme des international anerkannten Amerikaners Hal Hartley, der in der Filmreihe mit dem an die Bibel angelehnten Agententhriller «The Book of Life» vertreten ist, handelt es sich bei den ausgewählten Regisseuren ausschliesslich um Nachwuchstalente.



Der grosse Schritt ins Kino

Bemerkenswert nun ist es, dass «La Sept ARTE» die Filmreihe bereits im letzten Dezember, ein Jahr vor der Jahrtausendwende also, integral ausgestrahlt hat. Warum? «Fernsehen sollte antizipieren, nicht reproduzieren!», lässt Pierre Chevalier, Verantwortlicher für die Redaktion Fernsehfilm des Kultursenders, kommentarlos verlauten. Etwas weniger der Zeit voraus, aber immerhin nicht zu spät, wird auch das Schweizer Fernsehen SFDRS im September dieses Jahres die «Collection 2000 seen by» ausstrahlen, zudem kommen in diesen Tagen drei Filme der Serie in die Kinos. Wohl die abgeklärteste Geschichte in dieser kleinen Palette erzählt «Life on Earth» des Afrikaners Abderrahmane Sissako. Dieser reiste in sein Heimatdorf Sokolo (Mali) zurück, wo er - mit seinem Vater, Bekannten und Verwandten in den Hauptrollen - den Vorabend des Jahres 2000 inszenierte. Viele Sequenzen wirken dabei wie zufällig eingefangen, aber ein Dokumentarfilm ist «Life on Earth» nicht. Doch was dann? Ein filmisches Gedicht vielleicht, ohne einfach lesbare Botschaften, mit beinahe starr photographierten, wunderschön komponierten Bildern und Tonfolgen. Und schliesslich wird klar: Hier wird sich - Jahrtausendwechsel hin oder her - kaum etwas ändern, das Leben wird so bleiben, wie es immer schon war.



Apokalyptische Bilder

Eher langatmige als langsame Gedanken leistet sich der Taiwaner Tsai Ming-Liang in seinem verstörenden, wortkargen Endzeit-Kammerspiel «The Hole». Noch sieben Tage dauert es bis zum 21. Jahrhundert, es hört nicht auf zu regnen. Eine geheimnisvolle Seuche grassiert, und im Fussboden eines namenlosen Mannes klafft ein Loch, durch das er seine Nachbarin beobachten kann, welche Stapelweise Toilettenpapier hortet. Vermeintliche Fröhlichkeit bricht einzig mit bonbonfarbenen Musicalsequenzen in die triste Welt ein. Diese sollen Illusion und Wunschdenken versinnbildlichen, doch wirken sie reichlich auferzwungen. Eine weitaus stringentere Apokalypse zeigt Don McKellars «Last Night». Der Titel ist Programm: die Welt wird um Mitternacht untergehen. Warum, das wissen wir nicht genau - eine ständig gleissende Sonne lässt Vermutungen freien Lauf -, denn die Filmfiguren haben die Katastrophe längst akzeptiert und sind es satt, über sie sprechen. So (und auch anders) lässt uns McKellar Bilder für das Kino im Kopf produzieren. In diesem Sinne kommt mit dem dicht gehaltenen, subtilen Film sensationelles Anti-Hollywood-Kino auf die Leinwand, ein Actionfilm, bei dem die Action an einem ganz besonderen Ort abläuft: In den Augen der Menschen.

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«Last Night» und «The Hole» starten am 14. Mai, «Life on Earth» am 21. Mai. Das Schweizer Fernsehen SFDRS strahlt neun der zehn Filme im September dieses Jahres aus.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Life on Earth und The Hole (Collection 2000 seen by...) (1998)
Bewertung:
 
Regie:Abderrahmane Sissako (Life on Earth)
Ming-liang Tsai (The Hole)
Drehbuch:Ming-liang Tsai (The Hole)
Pi-ying Yang (The Hole)
Produktion:Su-ming Cheng (The Hole)
Shun-Ching Chiu (The Hole)
Kamera:Pen-jung Liao (The Hole)
Schnitt:Ju-kuan Hsiao (The Hole)
Ausstattung:Pao-Lin Lee (The Hole)
Besetzung:Nana Baby
Abderrahmane Sissako
Mohamed Sissako
Kang-sheng Lee (The Hole)
Hui-Chin Lin (The Hole)
Tien Miao (The Hole)
Hsiang-Chu Tong (The Hole)
Kuei-Mei Yang (The Hole)
 


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