
"Dans la ville où je suis né le passé porte le
présent sur son épaule comme un bébé." Dieser Satz, mit dem Le Confessionnel eingeleitet wird, ist Motto des ersten Filmes von Robert Lepage. In ständigem Wechsel zwischen 1952 und '89 erfahren wir die Geschichte der Brüder Lamontagne. Der Kunstmaler Pierre Lamontagne (Lothaire Bluteau) ist nach einem dreijährigen Aufenthalt in China zur Beerdigung seines Vaters nach Québec zurückgekehrt. Vergebens wartet er in der Kirche auf seinen Adoptivbruder. Doch er findet heraus, wo er Marc (Patrick Goyette) zu suchen hat: in einer Schwulensauna. In diesem anonymen Sexschuppen begegnen sich die Brüder nach langer Zeit und sind sich nah und fern zugleich.
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1952 wird Rachel (Suzanne Clement) mit 16 schwanger. Sie verheimlicht sogar ihrer Schwester, Pierres Mutter, den Vater. Bloss dem jungen Quartierpriester Massicotte (Normand Daneau)erzählt sie in der Beichte, wer sie geschwängert hat. Zur gleichen Zeit ist Québec wegen Hitchcocks Verfilmung "I Confess" in Aufruhr: Einem Pfarrer wird sein Schweigegebot zum Verhängnis. Parallelen zu Rachels Beichte bleiben nicht aus; Massicotte muss demissionieren, da er unter Verdacht steht, der uneheliche Vater von Marc zu sein. Rachel hält nach der Geburt die Belastung der Wahrheit nicht mehr aus und kann bloss noch im Selbstmord eine Lösung finden. In Depression wird Marc 35 Jahre später Pierre fragen, ob Rachels Veranlagung wohl vererblich gewesen sei: Auch er denkt an den Tod.
1989 führt die Fährte der Brüder Lamontagne zum Geistlichen Massicotte. Dabei ist der alte Ex-Priester (Jean-Louis Millette) ihnen näher als sie zu ahnen wagen. Durch die Suche finden Pierre und Marc immer mehr Zugang zueinander, sei es in einer Stripbar, wo Marcs Ex-Freundin arbeitet, oder vor der alten Photowand, die Pierre nie ganz mit Farbe zu überdecken schafft.
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Der bekannte Theaterregisseur Lepage hat mit seinem Erstlingsfilm ein kleines Juwel geschaffen. Die oft zunächst verwirrenden Zeitsprünge wurden formal sehr gekonnt gelöst: Die Zuschauerin stellt häufig zwischen zwei Schnitten (fälschlicherweise) einen inhaltlichen Zusammenhang her, und wird sich der überbrückten 36 Jahre erst nach einer Weile bewusst, wie zum Beispiel wenn Rachel im Badezimmer zum Rasiermesser greift und in der nächsten Einstellung sich das Abflusswasser rot verfärbt: Pierre, der seinen Pinsel auswäscht. Doch Lepage hat kleine Stützen eingebaut: So wechselt die Musik bei einem Sprung oft aus dem Off in Radiomusik. 1989 werden wir über den €ther oder im Fernsehen an das Gemetzel am Tienanmen-Platz erinnert, was wiederum eine Verbindung zu Pierres Aufenthalt im Fernen Osten schafft.
Besonders Bluteau übezeugt in seiner Zurückhaltung und vermittelt einen scheuen und zurückgezogenen Pierre. Patrick Goyette zeigt hingegen, wie Marc einerseits seinem Adoptivbruder sehr ähnlich ist, er aber anderseits nie zur Ruhe kommt. Der Film-Hitchcock (Ron Burrage, der oft als Double arbeitet) bringt
Le Confessionnal auf den Punkt:
"That is not a suspense story. It's a Greek tragedy."
Flavia Giorgetta

Angaben zum Film