The English Patient

Bereits mit einer Handvoll Golden Globes und zwölf Oscar-Nominationen steht nach Western, KZ-Dramen, Komödien und Heldensagen wieder das Kino der grossen Gefühle im Zentrum des Geschehens. Anthony Minghellas Film knüpft dort an, wo David Lean einst aufgehört hat.



Der zweite Weltkrieg ist fast zu Ende. Vier Kriegsgeschädigte versuchen, in einem ausgebombten italienischen Kloster Kontrolle über ihr chaotisches Leben zu erhalten. Da wären einmal die Franko-Kanadierin Hana (Juliette Binoche), eine Krankenschwester, die sich mit einem anonymen, am ganzen Körper verbrannten Patienten (Ralph Fiennes) niederlässt. Die etwas triste Zweisamkeit wird nach wenigen Tagen durchbrochen, als ein Mann namens Caravaggio (Willem Dafoe) im Eisentor des Klosters steht und sich als Bekannter Hanas aus Montreal vorstellt. Einst ein Dieb, später als Spion tätig, nähert er sich Hana und ihrem Pflegefall, neugierig, die wahre Identität des in der Sahara abgestürzten Piloten, der von Beduinen gefunden und von den Briten verhaftet wurde, zu erfahren. Erste Gespräche zwischen dem Sterbenden und Hana identifizieren ihn als Graf Laszlo de Almasy, der zu Beginn der dreissiger Jahre zum Leiter einer Wüstenexpedition ernannt wurde. Ansonsten hüllt sich die mumienhafte Gestalt Schweigen.


Von kleinen Steinchen und dem grossen Ganzen

Liest man Michael Ondaatjes gleichnamigen Roman, bleibt einem der Gedanke, dass diese interkontinentale Liebesgeschichte unverfilmbar ist, nicht erspart. Mit flüchtigen Einschüben, die 1945 beginnen und von den frühen 30er Jahren, bis zum Ausbruch des Krieges reichen, wirft Odaatje den Schatten seiner Protagonisten voraus, um sie zu einem späteren Zeitpunkt mit den leibhaftigen Personen zu ergänzen. Dieser Umstand zwang den britischen Regisseur Anthony Minghella dazu, das einzig Richtige zu tun. Er nahm die nach eigener Aussage «mosaikhafte Qualität» des Originals und verpasste ihr in nachvollziehbaren Rückblenden eine flüssige Linie. Erzählt Ondaatje mehrere Geschichten gleichzeitig und ist neben dem grossen Romantiker auch noch Kritiker am britischen Kolonialismus, beschränkt sich Minghella ganz auf das emotionale Spannungsfeld der beiden Liebespaare. Diese hat er dafür mit umso grösserer Sorgfalt besetzt. Ralph Fiennes und Kristin Scott-Thomas, die von distanzierter Sachlichkeit bis hin zu vollkommener Leidenschaft jeden Schritt minutiös meistern, geben eine der ergreifendsten Liebschaften der letzten Zeit ab. Obschon Scott-Thomas die reservierte Britin nicht zum ersten Mal spielt, hat sie die tragischen Züge dieser klassischen Figur selten so gut herausgearbeitet. Fiennes, der nach Quiz Show und Strange Days erneut eine tragende Rolle hat, wirkt unter der entstellenden Maske des Verbrannten genauso abstossend und anziehend wie als reicher Dandy.


Diese Gewichtung auf das Vorkriegspaar drängt Juliette Binoche und Naveen Andrews fast ein bisschen von der Leinwand. Um das zu vermeiden, hat Minghella einige sehr schöne Momente gefunden, die den Wiedereinstieg der beiden Figuren in den Frieden zeigt, und die auch der gerechtigkeitssuchende Willem Dafoe in einer seiner besten Rollen zu nutzen weiss. Auf einem schmalen Grat wandernd ist The English Patient durch seine balancierte Inszenierung, John Seals (Dead Poets Society) virtuoser Kamera und Gabriel Yareds schwebender Musik zum würdigen Nachfolger der kitschfreien Panorama-Romanzen geworden.

Serge Zehnder

Angaben zum Film

Titel:The English Patient
Genre:Liebesmelodrama
Bewertung:*****
Länge:145 Min
Regie:Anthony Minghella
Drehbuch:Anthony Minghella (nach dem Roman von Michael Ondaatje)
Produktion:Saul Zaentz
Kamera:John Seal
Musik:Gabriel Yared
Besetzung:Ralph Fiennes (Schindlers List, The Baby of Macon, Strange Days)
Kristin Scott Thomas (Bitter Moon, Four Weddings and a Funeral, Mission: Impossible)
Juliette Binoche (Bleu, Damage, Les Amants du Pont-Neuf)
Willem Dafoe (Platoon, Light Sleeper, Speed 2)
Verleih:Rialto


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