Everyone Says I Love You

Lärmiges Manhattan, stinkende Lagunen, arrogante Pariser. Nichts davon existiert in der Welt von Woody Allen. Der Frühling im New Yorker Central Park duftet, und das alte Europa zeigt sich von seiner charmantesten Seite. Da sollte Liebesweh eigentlich keinen Platz finden.


von Thomas Lüthi



Ein Himmel voller Geigen für Holden und Skylar
Tut es aber doch! Am Anfang hängt der Himmel noch voller Geigen. Holden (Edward Norton) hält seine Skylar (Drew Barrymore) im Arm und versichert ihr «Just You, Just Me» singend das unzerreissbare Band ihrer Liebe. Abends führt er sie zum Dinner aus und versteckt den Verlobungsring im Parfait. Gierig schlingt sie das Dessert samt Ring hinunter, und landet zum Magenauspumpen im Krankenhaus. Stiefmama Steffi (Goldie Hawn) stürzt Skylar fast ins Unglück. Die Frau engagiert sich für die Freilassung eines Ganoven und lädt ihn zu einer Abendgesellschaft ein. Charles Ferry (Tim Roth) nimmt die Einladung dankend an und verguckt sich auf Anhieb in Skylar. Anfangs sträubt sie sich, aber ein leidenschaftlich vorgetragenes «If I Had You» tut seine Wirkung und Skylar ist ihm (vorübergehend ) verfallen. Steffis Ex-Mann, der in Paris wohnhafte Schriftsteller Joe (Woody Allen) ist leider nicht so begehrt. Seine Freundin hat ihn verlassen und auch er murmelt nach Noten. «I'm Thru With Love» heisst es da, die Liebe sei für ihn gestorben. Doch nicht für lange. Auf Urlaub in Venedig mit Tochter Djuna (Natasha Lyonne) fällt ihm Von (Julia Roberts) ins Auge. Wie es der Zufall so will, weiss Djuna über deren intimsten Geheimnisse, ihre Wünsche und Vorlieben Bescheid. Diese steckt sie ihrem Paps zu. Er macht sich die Informationen zunutze, und kriegt Von rum.


Goldie Hawn und Woody Allen heben ab. Zerstörte Illusion.
Mit Everyone Says I Love You widmet Woody Allen seiner grossen Liebe, der amerikanischen Musik vor 1950, einen abendfüllenden Spielfilm. Die unvergleichlichen Melodien von Porter, Hammerstein und Gershwin, interpretiert von den Grossen des Jazz, gaben seinem Schaffen eine sinnliche Note und beförderten die bittersüssen Romanzen der redseligen Protagonisten wenigstens vorübergehend auf die sentimentale Wolke 17. Doch dies funktioniert in Allens neustem Werk leider nicht. Everyone Says I Love You ist ein Musical, in dem nur ein Ensemblemitglied, nämlich Goldie Hawn, singen kann. In der Welt, wo sich diese Leutchen bewegen, sind alle schön und blitzgescheit, es scheint immer die Sonne, und man fliegt über Weihnachten schnell ins «Ritz» nach Paris. Magische Momente, so schön unwahrscheinlich, wie sie nur das Universum des Films beschreiben kann und wie es in den geschliffen inszenierten Juwelen mit Fred Astaire und Gene Kelly an der Tagesordnung war. Doch schwache Stimmen und schwerfällige Tanznummern lassen das Idyll in diesem 90er-Musical erst gar nicht entstehen, sondern akzentuieren die papierdünne Geschichte nur noch zusätzlich.

Trotz dieser Abstriche werden die Anhänger der Allen-Sekte, zu denen sich auch der Schreibende zählt, an der Fingerübung des Meisters ihr Vergnügen haben. New York wurde seit dem genialen Manhattan (1979) nie mehr so schön photographiert, Tim Roth liefert einen fulminanten Kurzauftritt und mit dem weinseligen Pas-de-deux von Woody Allen und Goldie Hawn am Ufer der Seine hebt Everyone Says I Love You für einige Momente wirklich ab.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Everyone Says I Love You (1996)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:3 (von 5)
 
Regie:Allen, Woody
Drehbuch:Allen, Woody
Produktion:Greenhut, Robert
Koproduktion:Robin, Helen
Ausf. Prod.:Beaucaire, J.E.
Doumanian, Jean
Joffe, Charles H.
Aronson, Letty
Rollins, Jack
Kamera:Di Palma, Carlo
Schnitt:Morse, Susan E.
Musik:Hyman, Dick
Ausstattung:Loquasto, Santo
Kostüme:Kurland, Jeffrey
Besetzung:Alda, Alan
Allen, Woody
Barrymore, Drew
Hawn, Goldie
Roberts, Julia
Roth, Tim
 
Länge:101 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR-D
Prod.-firma:Miramax Films
Sweetland Films
CH Verleih:Filmcooperative Zürich


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