Evita

Der Regenbogen Argentiniens



Just a little touch of star quality... 1)


Das argentinische Präsidentenpaar,
Juan als "descamisado" (Hemdenloser).
Argentinien, Mitte des Jahrhunderts
Eva Duarte, ein armes Mädchen vom Lande, schafft den Sprung nach B.A. - Buenos Aires - Big Apple. Sie avanciert an der Seite einflussreicher Männer als Sängerin und Pinup Girl zur Schauspielerin und sogar ins Präsidentenhaus Argentiniens. Ihr Ruhm ist gross, ihr obsessiver Machthunger auch, das lässt Neid und Misstrauen nicht lange auf sich warten. Doch ihre Verdienste sind nicht von der Hand zu weisen: Einführung des Frauenstimmrechts, Gründung einer Frauenpartei, Loslösung von England, Oeffnung neuer Spitäler, Unterstützung von Armen, Witwen und Waisen, und so weiter und so fort. Dafür wird sie vom argentinischen Volk regelrecht vergöttert, stirbt aber tragischerweise viel zu früh an Krebs (1919-1952), wodurch sie als Mythos der "immerjungen Heiligen" weiterlebt. Für immer.
1) Nur ein Hauch von Star-Qualität


"She had her moments, she had some style..." 2)

Ché, die Stimme Argentiniens:
"She didn't say much, but she said it loud"
("Sie sagte nicht viel, aber sie sagte es laut")
Ueberall und immer wieder taucht die zynische Figur des Ché (Antonio Banderas) auf. Er stellt den Kontakt zum Publikum her, und das, obwohl auch er kein einziges Wort spricht. Alles wird gesungen! Ein Grund, weshalb der Film nicht synchronisiert wird. Ein guter Grund; ich könnte mir nicht vorstellen, wie die Songs auf deutsch klingen würden! Kritiker hatte Eva Perón, das kommt vor allem in den zwei Liedern "And the Money Kept Rolling In (and Out)" 3) und "Perón's Latest Flame" 4) zum Ausdruck. Ché verkörpert sie alle. Es erstaunt nicht, dass Madonna und Pryce (der frühere Broadway-Star mimt den argentinischen Präsidenten Juan Perón) ihre Gesangsrollen spielend meistern, doch bei Banderas hätten das wohl nicht so viele erwartet. Hervorragend! Der spanische Akzent ist natürlich bestens aufgehoben in der Erzählstimme und der kollektiven Verkörperung der Kritik Argentiniens an Eva Perón. Einen Nachteil hat das Fehlen echter Dialoge jedoch: es führt zu minimaler Tiefe der Charaktere und lässt fast keinen Spielraum für dramatische Handlung zu. Wenn Massenaufläufe inszeniert werden, ist Parker aber in seinem Element: grandios sind die Veranstaltungen vor dem Präsidentenpalast oder Tumulte, wie wir sie aus The Wall kennen.
2) Sie hatte ihre Momente, sie hatte Stil
3) Und das Geld strömte nur so herein (und heraus)
4) Perón's neuste Flamme


Für Juan lässt sie Oberst Imbert links liegen...
"I'd be surprisingly good for you!"

Don't cry for me, Argentina! 5)

Keine Frage, das berühmte Musical wird sich auch auf der Leinwand zu einem erfolgreichen Renner entwickeln. Der bombastische Soundtrack war das Gerüst für den Film (nicht umgekehrt! Das Drehbuch wurde ungewöhnlicherweise erst danach geschrieben), die Musical-Version war nach 1.5 Jahren im Studio überarbeitet und erweitert. So entstand extra für die Verfilmung ein neuer Song ("You Must Love Me" 6)), und Evita bekommt die süsstraurige Balade "Another Suitcase in Another Hall" 7) zu singen, die in der Bühnenversion noch Juans früherer Liebhaberin zugeteilt war. Was Madonna angeht, muss ich sagen: sie sollte mit ihrer Schauspielkarriere jetzt aufhören. Auf dem Zenit. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie diese hervorragende Leistung je überbieten kann! Wenn es eine Rolle gibt, für die Madonna geboren wurde, war es die der Eva Perón. Natürlich ist sie als sexbesessener Popstar bekannt, und es wird im Umfeld auch schreckliche Popversionen der Evita-Songs geben, aber Evita war "a cross between a fantasy of the bedroom and a saint"8). Das ist für jemanden, der einen Film namens In Bed With Madonna dreht, und so einen heiligen Namen trägt, wie auf den Leib geschrieben. Ich war erst ein bisschen skeptisch ("we had a few doubts"), aber nachdem ich das Musical in der Fassung der Londoner Originalbesetzung gehört habe, muss ich sagen, dass Madonna dem Vergleich standhält. Es muss aber auch erwähnt werden, dass bessere Sängerinnen und Sänger im Film vorkommen (etwa die Ex-Geliebte Peróns oder Magaldi, der Evita mit den Künstlern in der Grossstadt bekannt macht).
5) Weine nicht um mich, Argentinien!
6) Du musst mich lieben
7) Schon wieder ein Koffer in einer weiteren Halle
8) Eine Mischung aus Schlafzimmer-Phantasie und einer Heiligen


Das Volk geht für Perón auf die Strasse
Arbeitgeber gegen -nehmer, Militär gegen Polizei

Eine grosse Hommage an eine grosse Frau


Fazit: Obwohl es totgeglaubt war, lebt das Musik-Kino; Eine exzellente Adaption des Webber-Musicals! Ankreiden kann man den Machern nur das Verschweigen des peronistischen Führungsstils, Juan Perón's Macht hatte faschistische Züge, Nazi-Kollaboration war im Spiel: Deutsche Flotten in argentinischen Häfen, Kriegsverbrecher suchen Schutz in Chile und Argentinien... Dies legte den Grundstein für die heutigen Probleme der Demokratie in Südamerika, doch es wird im Film völlig unter den Teppich gekehrt. Demagogie als Kitsch. Eigentlich erstaunlich, soll doch Oliver Stone beim Drehbuch seine Finger im Spiel gehabt haben. Ansonsten kommen wir in den Genuss eines grandiosen Musikfilms. Bewegend und mitreissend. Musikalisch am beschwingtesten kommt "I'd Be Surprisingly Good for You" 9) daher, es erinnert bisweilen an Yesterday der Beatles. Die grösste Schnulze heisst zwar "Don't cry for me, Argentina", aber so mancher wird froh sein über die Dunkelheit im Kinosaal, wenn wir mit Argentinien mitweinen.


9) Ich wäre überraschend gut für Dich


***** Robert Michl
E-Mail

Ein Walzer für Ché und Evita.
Hier sieht sie zwar aus wie Sharon Stone :-)

Angaben zum Film

Titel:Evita
Genre:Musikfilm (verfilmtes Musical)
Bewertung:*****
Regie:Alan Parker (Pink Floyd - the Wall, Fame, Angel Heart)
Drehbuch:Alan Parker, Oliver Stone
Produktion:Robert Stigwood, Alan Parker, Andrew G. Vajna
Kamera:Darius Khondji
Musik:Andrew Lloyd Webber (Cats, Jesus Christ Superstar)
Lyrics:Tim Rice (Jesus Christ Superstar, Chess)
Basierend auf dem Musical EVITA,
Lyrics von Tim Rice,
Musik von Andrew Lloyd Webber.
Produziert am Broadway von Robert Stigwood
in Zusammenarbeit mit David Land
Besetzung:Madonna (Desperately Seeking Susan, Dick Tracy, Four Rooms)
Antonio Banderas (Assassins, Desperado, Never Talk to Strangers)
Jonathan Pryce (Carrington, Brazil)
Jimmy Nail (Spender (TV))
Verleih:Elite

Weitere Informationen gibt es hier.

Für unerschrockene und geduldige Evita-Fans gibt es ein Filmchen, das einige Ausschnitte aus dem Film zeigt: QT (1.5 MB!)



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