Extreme Measures

Ihre Gesichter schreien ausdruckslos im fahlen Licht der Neonröhren. Niemand kennt, niemand interessiert sich mehr für ihre Namen. Sie erweisen der Menschheit einen Dienst, das hat der freundliche Doktor im weissen Kittel entschieden, bevor er ihnen operativ das Rückenmark durchtrennte.



Mit Extreme Measures bringt Regisseur Michael Apted diese erschreckende Vision auf die Leinwand und stellt eine unbequeme Frage: Wie weit würden SIE gehen?


Die Doktoren Grant und Hackman

Höhere Interessen

Guy Luthan (Hugh Grant), leitender Arzt in der Notaufnahme am Beginn einer vielversprechenden Karriere, steht vor einem Rätsel: Nicht genug, dass ein von unglaublichen Symptomen geplagter Patient vor seinen Augen dahinrafft, unter mysteriösen Umständen verschwindet später der Leichnam aus dem Spital und den Köpfen der Krankenhausleitung. Die letzten Worte des Namenlosen lassen Guy jedoch keine Ruhe. Er beschliesst, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Was zu Beginn noch wie ein Versehen aussieht, entpuppt sich rasch als Affäre, dessen Ausmass Guy erst erkennt, als er schon mitten im Kugelhagel steht. Die Hintermänner dieser schaurigen Geschehnisse, allen voran der berühmte Neurologe Dr. Lawrence Myrick (Gene Hackman), wollen sich ihr Vorhaben allerdings nicht von einem übereifrigen Jungmediziner gefährden lassen und torpedieren deshalb gezielt Guys Ruf und Privatleben. Ein verhängnisvoller Fehler, denn je grösser Guys Bedrängnis wird, desto engagierter sucht er nach Antworten ­ und findet sie schliesslich.


Im Reich der potentiellen Versuchskaninchen

Das Wohl der Menschheit

Seit den Nürnberger Prozessen gegen Ärzte, die im Dunstkreis des Naziregimes unaussprechliche Experimente an KZ-Häftlingen durchführten, gilt für die Humanmedizin der Nürnberger Kodex. Dieser untersagt insbesondere die Forschung am Menschen, es sei denn, diese geben ihre ausdrückliche Zustimmung. Doch die Tage des Kodexes scheinen gezählt. Mit einer Bioethik-Konvention möchte der Europarat Humanforschung, wenn auch nur unter gewissen Umständen, zulassen ­ vornehmlich an wehrlosen Embryonen, Alzheimerpatienten oder geistig Behinderten1). Vor diesem aktuellen Hintergrund erhält Extreme Measures unfreiwillig eine besondere Brisanz. Das Problem der ethischen Grenzen ist latent: Wie weit dürfen die Halbgötter in Weiss gehen? Dieser Frage geht der Thriller in einer ausgesprochen spannungsgeladenen Weise nach. Es gelingt dem Autor der Romanvorlage Michael Palmer und den Filmemachern, dieses ethische Dilemma nicht mit sinnentleerter Action zu überfahren, sondern es im Gegenteil in einen so aufregenden wie denkwürdigen Showdown gipfeln zu lassen.

Gene Hackman in der Rolle des zwielichtigen Dr. Myrick ist zweifellos das Highlight des Films. Niemand vermag zur Zeit, den sympathischen und eigentlich integeren Menschenfreund mit seinen ungeahnten Abgründen überzeugender zu spielen als er. Gegen eine dermassen starke Leistung nimmt sich Hugh Grant schon fast als Fehlbesetzung aus: Obschon er sich alle Mühe gibt, den Arzt nimmt man ihm dann doch nicht so richtig ab.

Sven Schwyn
für das Cyberspace-Magazin slash (1/97)

1) WOZ vom 22. November 96

Angaben zum Film

Titel:Extreme Measures
Genre:Thriller
Bewertung:****.
Länge:110 Minuten
Regie:Michael Apted (Gorillas in the Mist, Nell)
Drehbuch:Tony Gilroy (nach einem Roman von Michael Palmer)
Produktion:Elizabeth Hurley, Chris Brigham (co), Andrew Scheinman (exec)
Kamera:John Bailey
Musik:Danny Elfman
Besetzung:Hugh Grant (Four Weddings and a Funeral, Sense and Sensibility)
Gene Hackman (Bonnie and Clyde, Get Shorty, The Birdcage)
Sarah Jessica Parker (The First Wives Club, Ed Wood, Flight of the Navigator)
Bill Nunn (Sister Act, Money Train)
Verleih:Monopole Pathé Films

Weitere Informationen gibt es hier.



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