Face/Off (1997)

Der Querstrich, englisch «slash» im Titel, sagt schon beinah alles über das Vergnügen von Face/Off aus. Es ist gespalten, fragwürdig, aber in vielfacher Hinsicht absolut faszinierend. Zwischen Widersprüchen und Anmassungen, bleibt man zumindest mit einem unbestechlichen Faktum zurück. John Woo gehört definitiv in die oberste Reihe der Action-Regisseure.


von Serge Zehnder


Warf der fachkundige Filmkenner in letzter Zeit einmal einen kurzen Blick in die Magazine «Premiere» und «Cinema», musste er zwangsläufig über eine Gemeinsamkeit stolpern. Sowohl Europas wie auch Amerikas grösste Filmzeitschrift berichteten beinah parallel über das Aussterben der alten Action-Helden, und den drohenden Untergang der Hong Konger Filmindustrie. Diese Feststellung ist insofern interessant, als dass mit Face/Off ein Film in unsere Kinos kommt, der sowohl versucht neue Wege im Actionbereich zu beschreiten und gleichzeitig zukunftsweisend für die Talente aus dem fernen Osten sein könnte. Zwar ist die Ausgangslage, die zum mörderischen Duell zwischen dem Terroristen Castor Troy (Nicolas Cage) und seinem FBI-Kontrahenten Sean Archer (John Travolta) führt, mehr als hanebüchen. Zu Beginn sehen wir, wie Troy bei einem Attentat auf Archer dessen Sohn ermordet. Einige Jahre später, nach einem grandios inszenierten Feuergefecht in einem Flughangar, bei dem Archer seinen Gegner endlich zur Strecke bringen kann, indem er ihn ins Koma schickt, wird Troy mittels modernster Lasertechnik das Gesicht abgetrennt und Archer draufgeplastert, damit jener den Standort von Troys letzter Schandtat, einer überdimensionalen Bombe, in Erfahrung bringen kann. Zu diesem Zweck wird Archer in voller Troy-Montur in ein Hochsicherheitsgefängnis eingeschleust, wo er den Bruder des Fieslings zum Reden bringen soll.



TIME TO FACE THE REALITY

Unglücklicherweise erwacht Troy aus seinem klinischen Tiefschlaf und lässt sich durch Waffengewalt Archers Gesicht aufsetzen. Die Metamorphosen wären vollzogen, und hier setzt der erste und einzige wahre Kniff der Geschichte, und das Hindernis für den Zuschauer, ein. Ist man bereit, diese äusserst weithergeholte Ausgangslage zu akzeptieren, verlässt man absolut zufrieden das Kino. Denn hält man sich sämtliche Szenen, insbesondere die Rückkehr des bösen Travoltas zu seiner Frau (Joan Allen) oder das Abdriften des guten Cage in schizophrene Wahnvorstellungen, spiegelbildlich vor Augen, entsteht dadurch eine ungeheuer perverse Spannung. Die beiden Drehbuchautoren Mike Werb und Mike Colleary, die vor ihrem Grossbudget-Projekt u.a. die dritte Darkman-Direkt-ins-Videoghetto-Fortsetzung «Die Darkman Die» geschrieben haben, verlangen vom Publikum dennoch einiges an Toleranz. Wem es daher zu schwer fällt, dieses Fundament zu schlucken, der sollte wohl eher vom Kinobesuch absehen.



WOO FIGHTERS

Für die restlichen, Gläubigen unter Euch, hält der kantonesische Action-Maestro Woo ein 140-minütiges Pyro-Drama bereit, das schauspielerisch und inszenatorisch mit grossen Glocken eine neue Ära des intelligenten Actionfilms einläutet. Eines muss man dem Autorengespann bei aller Absurdität nämlich zugestehen: Sie versuchen wenigstens, eine darstellerisch anspruchsvolle Geschichte zu erzählen. Womit es Einzeldezimierer wie Schwarzenegger, Stallone oder Willis in Zukunft immer schwerer haben werden, mit dem selben Gesichtsausdruck Leute umzunieten. Wie in Michael Manns Heat zwischen Pacino und DeNiro steht bei Face/Off nicht nur die Knarre, sondern auch das Köpfchen im Vordergrund. Dieser Umstand wird besonders bei Joan Allen sichtbar, einer Charakter-Schauspielerin, die bereits für ihre Rollen in Nixon und The Crucible für einen Oscar nominiert wurde. Sie ist das beste Zeichen dafür, dass Muskeln zunehmend out sind und sich ein Wandel bei der Zeichnung der Figuren in diesem explosiven Genre vollzieht. Letztendlich ist es die exzellente Besetzung, von der Woo profitieren konnte, und die ihm seinen bisher besten Film auf amerikanischem Boden ermöglichte. Streckenweise etwas zu lang, leicht pathetisch, aber reich an innovativen Action-Sequenzen hat Woo jene Symbiose von Tragik und Gewalt wiedergefunden, durch die seine Kronkolonie-Werke berühmt wurden. Wem auch das noch zuviel ist, der neue Disney-Zeichtrickfilm ist schon bald da.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Face/Off (1997)
Land:USA
Genre:Actionfilm
Bewertung:
 
Regie:Woo, John
Drehbuch:Werb, Mike
Colleary, Michael
Produktion:Chang, Terence
Godsick, Christopher
Levine, Jeff (II)
Osborne, Barrie M.
Permut, David
Koproduktion:Colleary, Michael
Werb, Mike
Ausf. Prod.:Douglas, Michael
Krane, Jonathan D.
Reuther, Steven
Kamera:Wood, Oliver
Schnitt:Kemper, Steven
Wagner, Christian A.
Musik:Powell, John
Ausstattung:Spisak, Neil
Kostüme:Mirojnick, Ellen
Besetzung:Allen, Joan
Cage, Nicolas
Cassavetes, Nick (I)
Cho, Margaret
Denton, Jamie
Feore, Colm
Gershon, Gina
Lynch, John Carroll
Nivola, Alessandro
Pounder, CCH
Presnell, Harve
Ross, Matt
Smith, Dana
Swain, Dominique
Travolta, John
Wisdom, Robert
Flanagan, Tommy
 
Länge:138 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:DTS
CH Verleih: Buena Vista


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