La Femme De Chambre Du Titanic (1997)

Ein weltbewegendes Ereignis zieht oft Nachahmer mit sich. Der Spanier Bigas Luna darf jedoch nicht mit all jenen «Titanic»-Ausbeutern auf dem Film-, Musik- und Buchmarkt in einen Topf geworfen werden, da die «Titanic» für ihn eine ganz andere Rolle spielt.


von Serge Zehnder


Na gut, es ist auch eine Liebesgeschichte, welche aber von DiCaprio und Winslet soweit entfernt ist wie Southampton von New York. In einem Kohlebergwerk in Lothringen gewinnt der Arbeiter Horty (Olivier Martinez) bei einem Wettrennen ein Ticket für die Jungfernfahrt der «Titanic». Seine Frau Zoé (Roman Bohringer) muss indes zurückbleiben, da der ausbeuterische Fabrikleiter Siméon (Didier Bezace) ihr das zweite Ticket verweigert, mit der Absicht, sich während Hortys Abwesenheit an Zoé heranzumachen. Arm, aber dennoch fasziniert von der grossen Welt reist Horty nach Southampton, wo er in einem Luxushotel logiert. Auf seiner Reise dorthin begegnet er der Titanic-Kammerzofe Marie (Aitana Sánchez-Gijón), die ihn darum bittet, in seinem Zimmer übernachten zu dürfen, da aufgrund des «Titanic»-Starts sämtliche Betten ausgebucht sind.


Horty (Martinez) und seine Frauen: Hier mit Zoé (Bohringer)...

GOLDENE FANTASIE

Die Spannungen zwischen den beiden steigern sich allmählich und die eindeutigen Annäherungsversuche Maries hinterlassen ihre Spuren. Erotische Fantasien spielen sich ab, ob im Kopf oder in der Wirklichkeit bleibt unschlüssig. Am nächsten Morgen ist Marie auf jeden Fall verschwunden, und Horty, unsicher über die Ereignisse der vergangenen Nacht, begibt sich auf die Titanic. Beinah an Bord rückt Marie wieder in sein Blickfeld, während sie in ihrer Zofen-Uniform fotografiert wird. Kurz darauf hat Horty das Schicksalsschiff verlassen und kehrt mit dem soeben geschossenen Bild Maries in die Tristesse des Kohlebergwerks zurück. Dort wird er stürmisch empfangen und dazu ermuntert, von seinen Abenteuern zu berichten. Ein paar Schnäpse später ist Horty auch schon in bester Erzähllaune und beschreibt seine Erlebnisse mit Marie, von denen nicht einmal er weiss, welche erfunden und welche real sind. Seinen Zuhörern ist dies egal, sie lauschen gebannt und voller Emotionen den Ausführungen des einfachen Mannes. Ein solches Verhalten birgt natürlich auch Probleme in sich, speziell Zoés Eifersucht verstärkt sich mit jeder Sitzung, die Horty in der lokalen Spelunke abhält, und einzig der Wanderbühnenintendant Zeppe (Aldo Maccione) kann Zoé mit einem verlockenden finanziellen Angebot vor weiteren Eifersuchtsanfällen bewahren. Er engagiert Horty und lässt ihn seine Geschichte auf dem Land und später sogar auf einer grossen Bühne vortragen. Der Erfolg steigt, und somit auch Zoés Wut auf die verstorbene Marie, gegen deren Erinnerung Zoé anzukämpfen hat.


...und wenig später mit Marie (Sánchez-Gijón).

DIE MAGIE DES ERZÄHLENS

Auf der Schwelle, wo das Theater vom Kino abgelöst wird, spielt Bigas Lunas feinfühliges Liebesmelodram, welches die «Titanic» nur als Hintergrundsattraktion benützt, um der Kraft von Hortys Erzählungen eine gewisse Tiefe zu verleihen. Bohringer, Sánchez-Gijón und Martinez sind in ihren Rollen als eifersüchtige Ehefrau, verführerische Fremde und naiver Schwerstarbeiter bis in die letzte Faser überzeugend. Lunas ist im Gegensatz zu James Cameron nicht an der Katastrophe der «Titanic» interessiert, sondern an der menschlichen Fantasie, die über die Misere hinweghelfen kann und ungeahnte Tore zu einer faszinierenden Welt öffnet. Dabei arbeitet er auf mehreren Ebenen und pendelt so geschickt zwischen Realität und Hirngespinnst, dass der Zuschauer wie Horty nicht weiss, was nun tatsächlich in jener April-Nacht im Hotelzimmer geschehen ist. Hat Horty Zoé betrogen oder nicht? Schliesslich ist die Ungewissheit immer noch eine der grössten Qualen, was Zoés Handlungen umso verständlicher macht. Technisch perfekt, akkurat ausgestattet und atemberaubend gefilmt ist La Femme de Chambre du Titanic nicht einfach ein ödes Plagiat, sondern ein eigenständiges, absolut fesselndes Werk, das die gleichen Zuschauerzahlen wie das «Oscar-Epos» verdient.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:La Femme De Chambre Du Titanic (1997)
Land:Spanien
Genre:Liebesfilm
Bewertung:
 
Regie:J.J. Bigas Luna
Produktion:Yves Marmion
Daniel Toscan du Plantier
Besetzung:Didier Bezace
Romane Bohringer
Aldo Maccione
Olivier Martinez
Aitana Sánchez-Gijón
 
Länge:101 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Prod.-firma:Castelo Agra, Miguel Ángel
Mate Production, S.A.
CH Verleih: Xenix Filmdistribution


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