Girl 6

A Spike Lee Joint


Six is for Sex
Wer kennt sie nicht, die seitenlangen Inserate des Sex-Telephongewerbes mit ihren 156-Nummern im Blick oder den zahlreichen Gratiszeitungen, wo willige Hausfrauen ein kurzes Abenteuer suchen oder gutaussehende Damen um die Gunst von ebenso gutbezahlenden Herren buhlen? Hinter die Kulissen eines derartigen Etablissements wirft Spike Lee mit seinem neusten Film Girl 6 einen erhellenden und unterhaltsamen Blick.

Girl 6 (Theresa Randle) ist eine arbeitslose Schauspielerin, die sich mit schlechtbezahlten Aushilfsjobs als Garderobiere, Flugblattverteilerin und ähnlichem über Wasser hält. Als sie bei einem Vorsprechtermin gebeten wird, ihre Bluse zu öffnen, weigert sie sich und verlässt fluchtartig das Studio. In dieser Situation heuert sie schliesslich bei der dynamischen Lil (Jennifer Lewis) an, der Betreiberin eines Sex-Telephongeschäfts. Nach einer kurzen Einführung in die Regeln des Gewerbes im allgemeinen und die männliche Psyche im generellen, wird sie schliesslich unter dem Decknamen Lovely auf ihren ersten Kunden losgelassen. Es handelt sich dabei um Bob aus Texas (Peter Berg), der seiner häufigen Anrufe wegen bald Regular Bob genannt wird und nicht immer über Sex, sondern statt dessen auch über seine kranke Mutter sprechen will. Girl 6 beginnt die Arbeit langsam Spass zu machen. Das Geschäft ist sauber, die Bezahlung gut und zudem kann sie hier endlich ihr schauspielerisches Talent ausspielen, ohne dabei ihre eigenen Gedanken und Gefühle preisgeben zu müssen.

Sie wird aber immer stärker von dieser fremden Welt absorbiert und kapselt sich gegenüber ihrer gewohnten Umgebung immer mehr ab. Ihr Wohnungsnachbar Jimmy (Spike Lee), ein leidenschaftlicher Sammler von Baseball-Karten, bekommt sie daher immer seltener zu Gesicht und beginnt sich langsam Sorgen zu machen. Und dann ist da auch noch ihr Ex-Mann Joe (Isaiah Washington), ein notorischer Kleinkrimineller, der sie wieder zurückgewinnen möchte und sich dabei der Hilfe von Jimmy bedient. Erst als sie von einem Kunden mehrmals am Telephon bedroht wird und er auch ihre Wohnungsadresse ausfindig machen konnte, beschliesst sie aufzuhören und nach Los Angeles zu ziehen, um ihren Traum wahrzumachen und eine Karriere als Schauspielerin zu starten. Und mit einem Vorsprechtermin, bei dem sie sich erneut ausziehen sollte, schliesst sich der Kreis wieder.

Mit Girl 6 ist Spike Lee ein unterhaltender und unvoyeuristischer Film gelungen, der ein sehr differenziertes Bild des Sex-Geschäfts zeichnet und auf eine plumpe Schwarzweissmalerei verzichtet. Dabei gelingt es ihm auch noch, so etwas wie Liebe und Romantik einzuflechten, etwa wenn Girl 6 mit Regular Bob ein Rendezvous vereinbart und dabei von ihm versetzt wird. Der allmähliche Sturz von Girl 6 in die Niederungen des Telephonsex wird am Schicksal eines kleinen Mädchens illustriert, das einen Liftschacht hinunterfällt und schwer verletzt wird. Mit der langsamen Genesung des Mädchens beginnt auch Girl 6 ihre Situation zu überdenken und beschliesst schliesslich auszusteigen. Dass der Film so optimistisch und erfrischend ausgefallen ist, hat er zu einem grossen Teil der grossartigen Leistung von Theresa Randle zu verdanken, die sich in ihren zahlreichen Teilzeitjobs als wahre Verwandlungskünstlerin entpuppt.

Heinz Gnehm

Angaben zum Film



Copyright © 1996 20th Century Fox (Bilder)
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