Hamlet (1996)

Eine phantastische Szenerie: Im Hintergrund Schneeberge und aufmarschierende Truppen, im Vordergrund ein aufgewühlter junger Mann, der nicht weiss wo ihm der Kopf steht: Hamlet, der Dänenprinz. Er steckt in einem Dilemma: Der Seelenschmerz schreit nach Rache, die Politik fordert Pragmatismus.


von Thomas Lüthi


Hamlet (Kenneth Branagh) ist erst betrübt, dann aufgebracht und schliesslich will er Blut sehen: Seine Mutter Gertrude (Julie Christie) hat nach dem Tod ihres Mannes, dem König von Dänemark, nicht trauernde Witwe gespielt, sondern seinen Bruder Claudius (Derek Jacobi) geheiratet und diesem damit die Krone zugeschanzt. «Das Gebackene vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitschüsseln», bemerkt Hamlet bitter und meint damit die allzu kurze Trauerperiode von Mama. Fassungslosigkeit wird von Hass abgelöst, als ihm der Geist seines Vaters erscheint und verkündet, Claudius habe ihn ermordet. Hamlet sucht nach einem Zeichen, das die Mordanklage aus dem Jenseits bestätigt, und er bekommt es. Der Dänenprinz greift zum Messer und massakriert den Falschen, den Vater seiner Liebsten. Die junge Frau dreht durch und bringt... der Rest soll hier nicht verraten werden, nur soviel: Es fliesst noch mehr Blut.


Eine irre Besetzung: Kenneth Branagh und Kate Winslet

Von Ozeanen und Superlativen

Wer Shakespeare filmisch absolut gerecht werden möchte, müsste es schaffen, einen Ozean mit einem Kaffeelöffelchen trockenzulegen. Diesbezügliche Versuche ­ z.B. Greenaway in Prosperošs Book ­ scheitern zwangsläufig. Die gelungenen Adaptionen greifen lediglich Aspekte dieser archetypischen Sex-and-Crime Geschichten auf, deren Macher geben ihre persönliche Lesart wieder. In der Gegenwart ist der Name Shakespeare untrennbar mit Kenneth Branagh verbunden: Mit Henry V und Much Ado About Nothing, zwei Filmfassungen von eher selten gespielten Stücken, konnte der Brite Kenner und Amateure gleichermassen begeistern. Jetzt ist Branagh wohl an seinem künstlerischen Höhepunkt angelangt. Nach seinem Vierstünder Hamlet, einer mitreissenden Adaption des grössten Stückes aller Zeiten (Tschechow- und Lear-Liebhaber mögen mir diesen Superlativ verzeihen) kann es für ihn eigentlich nur noch bergab gehen.


Hamlet mit (Stief-)Eltern: Julie Christie und Claudius

Branaghs Lesart

Wer nun glaubt, bei einem ungekürzten Hamlet müsse sich früher oder später Langeweile einstellen, der irrt: Auch wenn nicht alle Feinheiten der Shakespeareschen Verse verstanden werden, legt erst der Volltext die Mechanik des Stückes offen dar, die unzähligen Querbezüge, Verwirrungen und Konflikte stehen dem Zuschauer plötzlich kristallklar vor Augen. Diese vier Stunden sind spannender, als es jeder abgekürzte Hamlet je sein könnte.

Branaghs dramaturgisches Konzept (eigentlich simpel: alles bleibt drin) ginge aber daneben, wenn die Protagonistinnen und Protagonisten ihren Rollen nicht gerecht werden würden. Der Regisseur selber legt einen fulminanten Prinz hin, keine Spur von weltfremdem Bleichling in Strumpfhosen, und sorgt zusammen mit Julie Christie als Gertrude wohl für einen der schauspielerischen Höhepunkte der Adaption: Die Szene, in der Hamlet seine Mutter konfrontiert, ist an Intensität kaum zu überbieten. Noch für die kleinste Nebenrolle wurde Prominenz aufgeboten, und auch wenn Branaghs Wahl nicht immer überzeugt, so überwiegen doch die positiven Eindrücke bei weitem: Speziell herausgehoben werden kann etwa Charlton Heston, der seine Rolle als Erster Schauspieler mit einer gewaltigen Präsenz verkörpert, oder Billy Crystal als staubtrockener Totengräber.

Wer vor einem Kinosommer mit Fledermäusen und Dinosauriern substanzmässig nochmals auftanken und den grossen Atem eines Meisterwerks um sich spüren möchte, der ist hier allerbestens bedient.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Hamlet (1996)
Land:
Genre:Drama
 
Regie:Branagh, Kenneth
Drehbuch:Branagh, Kenneth
Shakespeare, William
Produktion:Barron, David
Kamera:Thomson, Alex
Schnitt:Farrell, Neil
Musik:Doyle, Patrick (I)
Ausstattung:Harvey, Tim (I)
Kostüme:Byrne, Alexandra
Besetzung:Abbasi, Riz
Attenborough, Richard
Beale, Simon Russell
Blair, David
Blessed, Brian
Branagh, Kenneth
Briers, Richard
Bryant, Michael
Christie, Julie
Crystal, Billy
Daish, Charles
Dench, Judi
Depardieu, Gérard
Dinsdale, Reece
Dodd, Ken
Douglas, Angela
Duke of Marlborough
Edwards, Rob
Ellis, Jimmy
Farrell, Nicholas
Fearon, Ray
Gidden, Yvonne
Gielgud, John
Harris, Rosemary
Heston, Charlton
Issyanov, Ravil
Jacobi, Derek
King, Rowena
Kissoon, Jeffery
Lam, Sarah
Lemmon, Jack
Maloney, Michael
McElhinney, Ian
Mills, John (I)
Mistry, Jimi
Morgan, Frank (II)
Radinger, Sian
Ramsey, Melanie
Schofield, Andrew
Seale, Orlando
Sewell, Rufus
Spall, Timothy
Szekeres, Tom
Thom, Ben
Warrington, Don
Weeks, Perdita
Williams, Robin
Winslet, Kate
Yip, David
Yuill, Jimmy
 
Länge:244 Minuten
Negativ:65 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:SDDS
Prod.-firma:Turner
Castle Rock Entertainment
Fishmonger Films
CH Verleih: Monopole Pathé Films


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