Idioterne (1998)

Leicht verdauliche Kost war noch nie das Ding des Dänen Lars von Trier. Menschen und deren Seelen sind für ihn der Einstieg in die Abgründe der Psyche. Wo einige Regisseure zufrieden sind, was die Tiefe anbelangt gräbt von Trier weiter und weiter und weiter...


von Serge Zehnder


Unruhig und fast dokumentarisch begegnen wir zusammen mit Karen (Bødil Jorgensen), einer Frau, die nach dem Tod ihres Kindes von zu Hause geflüchtet ist, in einem Restaurant drei jungen Menschen, die offensichtlich psychisch behindert sind. Unfähig ihre eigenen Taten zu kontrollieren, zerren die «Idioten» Karen von ihrem Tisch weg, in ein Auto und es stellt sich kurz darauf heraus, dass das ganze nur gespielt war, um die Zeche «akzeptabel» prellen zu können. Sie gehören zu einer Gruppe von Studenten und Berufstätigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den inneren Idioten in sich zu entdecken. Sei es als Flucht vor der öden Realität, um die Nachbarn eines dänischen Vororts zu schockieren, oder als Therapie. Wie eine Gemeinde haben sie sich um den «hohen Priester» Stoffer (Jens Albinus) versammelt, der die Kommune mehr oder weniger leitet. Im luxuriösen Haus von Stoffers Onkel lebend, haben sich alle Beteiligten auf eine rudimentäre nonkoformistische Lebensweise geeinigt, die sie versuchen in die Welt herauszutransportieren. Schmerz und Gelächter, Freude und Depressionen gehören zum Alltag der «Idioten», wodurch der Zuschauer sich in einem konstanten Wechselbad befindet, nie sicher, wie er auf das Gezeigte reagieren soll.


Regisseur von Trier bedient keine 35mm sondern vorwiegend Video-Kameras.
Deshalb sei hier erwähnt, dass man lachen und weinen soll wenn einem danach ist. Denn so unstrukturiert und wild Idioterne scheinen mag, er ist ein absolut ausgeklügeltes, durchwegs genial gespieltes Werk, bei dem von Trier mit chirugischer Präzision die emotionalen Tasten drückt. Bewunderung und Verachtung, beides empfindet von Trier für seine Figuren. Bewunderung, weil sie klare Individualisten sind, Verachtung, weil sie ihre Überzeugungen zwar den Leuten an den Kopf werfen jedoch letztendlich nicht genug Mut besitzen, um auch eine Veränderung im Leben der «normalen» Mitmenschen zu bewirken. Ihre gesamte Idiotie ist letztenendes nicht mehr als ein Schutz vor der Realität, weshalb Karen, aufgrund ihres schweren Schicksals, auch als Einzige das Recht hat aus ihrem Leben auszubrechen.


Die «Idioten» machen einen Ausflug in eine Fabrik.

SUCHT NACH KONTROLLVERLUST

Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und, da nicht gerade eine alltägliche Thematik, sehr schwierig einfach den Kopf auszuschalten und auf den Magen zu hören. Diese Tragikomödie mit dokumentarischem Einschlag geht ans Lebendige, da sie Grenzbereiche untersucht, die nach allgemeingültigen Wertvorstellungen eher tabu sind. Doch wie sein «Dogma»-Kollege Vinterberg weiss von Trier wo er seine ganz persönlichen Grenzen setzen darf. Der Däne besitzt ein unglaubliches Gespür für den menschlichen Verstand und für menschliche Verhaltensweisen, was dazu führt, dass nicht nur die Figuren im Film, sondern auch die Zuschauer genau das tun, was von Trier will. Vollständig kalkulieren kann man solche Reaktionen natürlich nie, und in England haben die Sittenwächter auch schon wegen einiger freizügiger Sexszenen (die jedoch sehr kurz sind) den Aufstand geprobt. Doch die Fähigkeit den menschlichen Verstand und die Grausamkeit, die aus ihm erwächst so treffend zu sezieren ist schlichtweg phantastisch.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Idioterne (1998)
Land:Dänemark
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Lars von Trier
Drehbuch:Lars von Trier
Produktion:Vibeke Windeløv
Koproduktion:Erik Schut
Marianne Slot (I)
Peter van Vogelpoel
Ausf. Prod.:Peter Aalbæk Jensen
Kamera:Casper Holm
Jesper Jargil
Kristoffer Nyholm
Lars von Trier
Schnitt:Molly Marlene Stensgård
Besetzung:Jens Albinus
Iris Albøge
Lars Bjarke
Marina Bouras
Louise B. Clausen
Anders Hans Henrik Clemensen
Birgit Conradi
Jan Elle
Palle Lorentz Emiliussen
Louise Regitze Estrup
Christian Friis
Peter Frøge
Anne Louise Hassing
Anders Hove
Bodil Jørgensen
Ewald Larsen
Nikolaj Lie Kaas
Lone Lindorff
Troels Lyby
John Martinus
Luis Mesonero
Torben Meyrowitsch
Katrine Michelsen
Louise Mieritz
Michael Moritzen
Britta Lotte Munk
Erno Müller
Lis Bente Petersen
Svend Erik Plannthin
Henrik Prip
Anne-Grethe Bjarup Riis
Knud Romer Jorgensen
Axel Schmidt
Jens Jørn Spottag
Paprika Steen
Claus Strandberg
Jesper Sønderaas
Bent Sørensen
Lillian Tillegren
Kirsten Vaupel
Ditlev Weddelsborg
Erik Wedersøe
Albert Wickmann
Julie Wieth
 
Länge:117 Minuten
Negativ:Video
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR
Prod.-firma:VPRO Television
Zentropa Entertainments
Rai Cinemafiction
Le Studio Canal+ [fr]
3 emme Cinematografica
Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
Danmarks Radio (DR)
La Sept Cinéma
SVT Drama
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Argus Film Produktie
Arte
CH Verleih: Monopole Pathé Films


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