Kids

The Debut Film by Larry Clark


Voyeurismus oder Alarmglocke?

Was wollen die Filmemacher mit einem Streifen aussagen, in dem man fünfzehnjährige Jugendliche stehlen, kiffen, saufen, ficken, vergewaltigen, einbrechen und prügeln sieht? Der Regisseur von Kids, der ehemalige Fotograf Larry Clark, sieht in seinem Film ein Spiegelbild, das er der urbanen Gesellschaft vorhalten will. "That's the way kids are", so sind Kinder wirklich, sagt der Regisseur und er ist sich dabei bewusst, dass er sich auf eine gefährliche Gratwanderung zwischen reiner Dokumentation und Voyeurismus begibt.

Kids beginnt an einem Morgen in einem ganz normalen Kinderzimmer, komplett mit Kuscheltieren und einem Beastie Boys-Poster an der Wand. Auf dem Bett knutscht Telly (Leo Fitzpatrick) mit einem Mädchen, wahrscheinlich kaum älter als Vierzehn. Er fragt, ob sie wisse, was er vor ihr wolle. "Yes, you wanna fuck me", ja, Du willst mich ficken, antwortet sie. Sie hat Angst, doch Telly zerstreut ihre Bedenken mit belanglosen Worten "There's nothing in the world to worry about", da ist nichts in der Welt, wovor du dich fürchten musst...

Draussen wartet Tellys Freund Casper (Justin Pierce) und will wissen, wie er es geschafft hat, schon wieder eine Junfrau ins Bett zu kriegen. Telly sieht sich selber gerne in der Rolle als virgin surgeon (Jungfrauen-Chirurg), Jungfrauen sind für ihn das Grösste, er prahlt damit, wieviele er schon rumgekriegt hat. Die Jungs treffen sich bei Freunden, schauen Skateboard-Videos, kiffen, inhalieren den Inhalt von Lachgaskapseln aus Gummiballonen und reden über Sex. Auch die Mädchen, die sich bei Ruby (Rosario Dawson) zusammengefunden haben, haben nur ein Thema. Jennie (Chloe Sevigny) und Ruby haben sich einem AIDS-Test unterzogen. Ruby, die schon mehrmals ungeschützt Geschlechtsverkehr gehabt hat, ist HIV-negativ. Doch Jennie, die bisher nur mit Telly geschlafen hat, ist positiv. Nachdem sie vergeblich versucht hat, ihre Mutter zu erreichen, macht sie sich auf die Suche nach Telly, bleibt an einer Technoparty hangen, nimmt Ecstasy...

Gleichzeitig hängen Telly und Casper mit anderen Skatern im Washington Square Park rum und kaufen Dope mit dem Geld, das sie vorher Tellys Mutter geklaut haben. Als Casper auf dem Board von einem Schwarzen angerempelt wird, schlägt er ihm brutal sein Skateboard ins Gesicht und die ganze Posse stürzt sich auf den am Boden liegnden Jungen. Niemand scheint die ganze Sache zu berühren. Schliesslich beschliessen Telly und Casper zu einem Freund zu gehen, der sturmfreie Bude hat und eine feuchtfröhliche Party veranstaltet. Während sich in der Küche die kleinen Brüder in der Imitation der Machosprüche ihrer coolen Freunden und Vorbilder üben, liegt der besoffene Casper in der Badewanne und schaut zu, wie sich ein Freund über der WC-Schüssel leerkotzt. Telly hat eine neue Jungfrau gefunden, die er mit den genau gleichen Sprüchen verführt, mit denen er schon am Morgen Erfolg gehabt hat. Als die komplett erschöpfte und benommene Jennie endlich an der Party ankommt, ist es schon zu spät. Völlig kaputt lässt sie sich auf ein Sofa fallen und schläft ein. Casper, der nun seine Chance wittert, fummelt an Jennie rum und als sie sich nicht rührt, vergewaltigt er sie, während nebenan die anderen bekifften und besoffenen Partygäste weiterpennen.

Es fällt auf, wie unter den Geschlechtern eine klare Rollenverteilung herrscht, die sich auch im äusserlichen Erscheinungsbild äussert. Frauen sind willige Opfer, tragen Minirock und hautenge T-Shirts. Die Männer sind nur durch ihre Triebe geleitete Hengste in XL-T-Shirts und Baggy Jeans. Der Nihilismus ist allgegenwärtig. Telly sagt einmal resümierend: "Fucking is my life. Take it away and I really got nothing." Es fragt sich, wen sich Clark als Zielpublikum für seinen Film gedacht hat. Eltern werden das Kino angewidert verlassen und sich kaum vorstellen können, dass Jugendliche ein solches Leben führen können. Es gibt für sie keine Identifikationsfiguren, denn spätestens nachdem Telly und Casper den schwarzen Skater verprügelt haben, verlieren sie jeglich Sympathie. Für Jugendliche auf der Suche nach role models wird den Streifen wohl einfach geil sein, denn sie werden vielleicht ihres eigenen Lebens darin wiedererkennen. Für die "Beavis and Butthead"-Generation sind negative Vorbilder halt interessanter. Dadurch, dass in Kids junge Laienschauspieler agieren und das Drehbuch von einem 19-jährigen Skateboarder geschrieben wurde, wirken die Figuren und Ereignisse fast bedrohlich echt. Das Argument, dass Kids seine Figuren ungerechtfertigterweise zu sexbesessenen Monstern degradiere gilt nicht, denn diese Kinder haben nun mal keine Moral und keine Hemmungen. Sie sprechen über das, was sie in der Pubertät am meisten beschäftigt. Sex. Und sie haben vor ihren Kollegen ihre Rolle zu spielen.

Wer ist schuld daran, dass die Kinder von heute so fehlgeleitet sind? Clark hat eine einfache Erklärung parat: Zerrüttete Familien, anti-autoritäre Erziehung und Gleichgültigkeit. Es mag sein, dass New York ein besonders guter Nährboden für solche Auswüche ist, aber die Augen vor dem Schicksal dieser Kids zu verschliessen, heisst die Realität verkennen. Eine prominente Szenekennerin meinte nach der Vorführung des Films in Zürich: "Ich bin sicher, dass das auch hier so abgeht." Recht hat sie.

mb

Angaben zum Film



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