Kolya

Aufbau Ost! So lautet seit dem Fall des eisernen Vorhangs der Wahlspruch verschiedener Politiker, der den wirtschaftlichen Aufschwung der früheren Satellitenstaaten herbeiführen soll. Tritt die wirtschaftliche Lage auf der Stelle, macht sich im Bereich des Filmschaffens einiges bemerkbar. Die neuste Produktion Kolya lässt zumindest auf einiges hoffen.


von Serge Zehnder


Um Künstler zu sein, muss man sich ganz seiner Leidenschaft verschreiben. Nach dieser Maxime lebt der Cellist Frantisek Louka (Zdenek Sverák). Bereits Mitte Fünfzig ist er ein Junggeselle ohne Frau oder Kind, dafür mit einer Reihe von attraktiven Frauen liiert. Ohne sich auf ein Risiko mit irgendwelchen Gefühlen einzulassen, lebt er in einer Dachwohnung hoch über Prag. Wegen seiner antikommunistischen Haltung wurde er aus dem tschechischen Philharmonieorchester ausgeschlossen.



Um zu (über-)leben, musiziert er auf Beerdigungen und restauriert Grabsteine. Zwei Jobs, die ihn aber nicht aus seiner miesen finanziellen Lage befreien. Erst der Vorschlag eines befreundeten Totengräbers bringt die vermeintliche Lösung seiner Probleme. Frantisek soll für eine ansehnliche Summe Geld eine junge Russin samt Kind heiraten. Zögernd, schliesslich hat der alte Schürzenjäger gewisse Prinzipien, geht Louka auf das Angebot ein. Beiden Parteien ist geholfen, so scheint es jedenfalls. Kurze Zeit später erfährt Frantisek, dass seine Schein-Ehefrau mit den durch ihn ermöglichten tschechischen Staatspapieren in den Westen geflüchtet ist und ihren Sohn bei der Grossmutter zurückgelassen hat. Als die alte Frau auch noch einen Herzanfall erleidet und stirbt, steht der griesgrämige alte Mann plötzlich mit dem kleinen Kolya (Andrej Chalimon) da. Prinzipien hin oder her, der überzeugte Liebhaber von einst muss sich jetzt um den Jungen kümmern.



Resümee des Niedergangs und Aufbaus

Green Card auf Tschechisch? Bestimmt, die Grundzüge von Peter Weirs New-Yorker-Life-Comedy finden sich auch bei Kolya wieder. Wo Weir jedoch die unsichtbare Liebe zwischen zwei völlig verschiedenen Menschen zum Ausbruch bringen lässt, versuchen Regisseur Jan Sverák und sein Vater (Hauptdarsteller und Drehbuchautor) Zdenek Sverák, Brücken innerhalb eines Volkes zu schlagen. Angesiedelt während des entscheidenden Jahres vor dem grossen Zusammenbruch, verbinden die Sveráks die politischen Veränderungen mit denen ihrer beiden Hauptfiguren. «Wir sind beide Slawen», manifestiert Louka einmal, womit nicht nur der Wille zur Einheit angetönt, sondern auch die Absurdität des zerbröckelnden Systems angeprangert wird. Visuell und erzählerisch phantasievoll und mit hervorragenden Schauspielern, denen der kleine Andrej Chalimon immer wieder die Show stiehlt, zeigt das Familienprojekt Kolya ein meisterhaftes, mit dem Oscar ausgezeichnetes Resümee über die letzten sieben Jahre osteuropäischer Geschichte.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Kolya (1996)
Land:Tschechien
Genre:Komödie
Bewertung:*****
 
Regie:Sverák, Jan
Drehbuch:Sverák, Zdenek

Taussig, Pavel
Produktion:Abraham, Eric

Sverák, Jan
Kamera:Smutný, Vladimír
Schnitt:Fisárek, Alois
Musik:Soukup, Ondrej
Besetzung:Budínová, Slávka
Chalimon, Andrej
Hermánek, Karel
Livanová, Irina
 
Länge:105 Minuten
Prod.-firma:Czech Television

Space Film
CH Verleih:Rialto-Film


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