Kopfleuchten (1998)

Das Gehirn als wohl geheimnisvollstes menschliches Organ beherrscht unsere Bewegungen, unsere Sinneswahrnehmungen, die Gefühle und das Gedächtnis. Wenn bloss ein kleiner Teil ausfällt, kann dies Störungen hervorrufen, die Aussenstehende manchmal erst beim zweiten Blick bemerken.


von Flavia Giorgetta


Der Student Christian drückt sich im Gespräch sorgsam gewählt aus, bis er plötzlich ein lautes «Scheisse» schreit und dazu den Kopf ruckartig bewegt. Turette nennt man das Syndrom, welches sich durch körperliche und sprachliche Tics manifestiert. Christian kann sich analysieren aber nicht seine Motorik und Sprache beherrschen - deshalb «kommt die Ruhe zu ihm wenn sie will und nicht wenn er will». Ein Kontrollverlust in bezug auf die normierte Umwelt ist allen Porträtierten gemein: eine Tasse wird zum Glas in Becherform mit Henkel, Michael erkennt seine Familie nicht mehr, nachdem sein Hirn aufgrund eines Herzstillstandes gelitten hat, Maria kann nach der Operation eines Hirntumors Distanzen nicht mehr richtig einschätzen.


Die grosse Schwarzvielfalt

Verschobene Realität

Je mehr Menschen vorgestellt werden, deren Hirne anormal funktionieren, desto deutlicher treten die verschobenen, oft feineren Wahrnehmungen vor. So kann Gerhard zwischen dutzenden Schwarz unterscheiden - von Blauschwarz bis zu Dunkelgelbschwarz - und Norbert erinnert sich an die Zugabfahrtszeiten von 1970. Der Film zeigt die Menschen stets würdevoll in ihrem Umfeld und verzichtet auf jegliche Wertung. In Bergmanns Fragen irritiert höchstens der manchmal gar mitfühlende Ton. Kopfleuchten beschränkt sich klar auf die Porträts; es werden keine medizinische Hintergründe geliefert und Krankheitsbilder generalisiert. In diesem wenig pädagogischen Ansatz liegt die Stärke des Films. Durch ihren respektvollen Umgang mit den Behinderten vergrössern die Filmer Mischka Popp und Thomas Bergmann unser Verständnis, gerade auch weil man manchmal lachen darf.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Kopfleuchten (1998)
Genre:Dokumentation
Bewertung:
 
Regie:Thomas Bergmann Mischka Popp
 


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