Kundun (1997)

«Nun wurde uns die bittere Lektion erteilt, dass die Welt zu klein geworden ist, als dass ein Volk in harmloser Isolation leben kann.» (Seine Heiligkeit der Dalai Lama, My Land and My People)


von Thomas Hunziker


Als zweijähriger wird Tenzin Gyatso, 1937, in einem kleinem Dorf nahe der Grenze zu China entdeckt und als vierzehnte Inkarnation des Dalai Lama, des religiösen und politischen Führer Tibets enthüllt. Zwei Jahre später wird er nach Lhasa transportiert, wo er im Potala Palast formell als Vierzehnter Dalai Lama anerkannt wird, seine geistliche und weltliche Ausbildung beginnt. Bevor er jedoch seine Ausbildung abschliessen kann, dringen die Truppen des kommunistischen China im Osten Tibets ein, unter dem Vorwand, die Bevölkerung von der Unterdrückung durch imperialistische Einflüsse zu befreien. Im Angesicht dieser Krise beschliesst das Tibetanische Kabinett dem sechzehnjährigen Dalai Lama die Verantwortung der Regierung zu übertragen. Die langwierigen Verhandlungen die der Dalai Lama mit Mao Tse-tung und den Chinesischen Generälen führt, erweisen sich bald als aussichtslos. Die Rückschläge, die der Dalai Lama in den Gesprächen einstecken muss, können ihn aber nicht von seiner Ueberzeugung einer friedlichen Lösung des Problems abbringen. Als sich die Lage weiter zuspitzt, entschliesst er sich 1959 schliesslich dazu, aus Lhasa zu fliehen, und seinen Kampf für ein Freies Tibet im Ausland fortzusetzen.



Von Raging Bull zu Kundun

Kundun ist Martin Scorseses persönlichster Film seit Raging Bull und ist trotz des entfernten Themas unverkennbar ein Scorsese-Film. Was Kundun von seinen anderen Filmen unterscheidet, ist die Entwicklung seiner Hauptfigur, die sich weder in religiösen, noch in weltlichen Problemen verliert, sondern sich von einem einfachen Kind zu einem geistlichen und politischen Führer entwickelt, der für eine gewaltfreie Lösung aller Konflikte eintritt. Scorsese folgt der Autobiographie des Dalai Lamas (My Land and My People), die Melissa Mathison für die Leinwand adaptierte, und die dank enger Kontakte mit Seiner Heiligkeit um viele Details und seine Träume bereichert werden konnte. Durch die Besetzung der Rollen durch nicht-professionelle Tibetanische Schauspieler, von denen viele aus dem engen Kreis des Dalai Lama stammen, wurde ein hoher Grad an Authentizität erreicht, und durch die Erzählweise durch die Augen des Dalai Lama entführt Scorsese den Zuschauer, mit Hilfe seiner langjährigen Cutterin Thelma Schoonmaker, dem Kameramann Roger Deakins (The Shawshank Redemption, Dead Man Walking, Fargo) und Komponist Philip Glass, auf eine Reise in eine fremde und geheimnisvoll faszinierende Welt. Kundun ist ein visuelles Gedicht, das sich lobenswert aus der Masse der Amerikanischen Filme hervorhebt.



Produktionsgeschichte

Touchstone Pictures, der Amerikanische Verleih von Kundun, ist ein Arm der Disney Company, die rege am lukrativen Chinesischen Markt interessiert ist, und deshalb relativ unglücklich über den offen pro-Tibetanischen Film von Martin Scorsese ist. Als Michäl Ovitz, ein früherer Agent von Scorsese, Vize-Präsident bei Disney wurde, brachte er Scorsese, mit Kundun als nächstem geplanten Film, mit an Bord, wurde dann aber noch vor Beendigung der Dreharbeiten gefeuert. Die Dreharbeiten sollten eigentlich in Indien stattfinden, die Indische Regierung verweigerte jedoch die Bewilligung dazu, und so fand sich Scorsese auf seiner Suche nach malerischen Landschaften schliesslich in Marokko wieder, wo er bereits The Last Temptation of Christ herstellte. In Marokko wurden dann mit einem bescheidenen Budget die verschiedenen Kulissen gebaut. Der Potala Palast in Lhasa und einige Gebirgsketten wurden dann in der Nachbearbeitung durch Masken hinzugefügt. Angesicht der Drohungen von China stellte Disney unterdessen Henry Kissinger an, um zu erfahren, wie sie mit der Chinesischen Regierung umgehen sollten. Michäl Eisner begann dann einerseits die künstlerische Freiheit des Studios zu verkünden, währenddem er andererseits China versicherte, dass sich der Film von selbst zerstören würde. Durch den ganzen Rummel um Titanic und einer (absichtlich) schlechten Vermarktungsstrategie von Disney wurde Kundun dann schliesslich auch von Publikum und Presse geschmäht. Zeit wird zeigen, ob Kundun, wie auch Tibet, die gebührende Anerkennung erhalten wird.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Kundun (1997)
Land:USA
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Martin Scorsese
Drehbuch:Melissa Mathison
Produktion:Barbara De Fina
Scott Harris (I)
Koproduktion:Melissa Mathison
Ausf. Prod.:Laura Fattori
Kamera:Roger Deakins
Schnitt:Thelma Schoonmaker
Musik:Philip Glass
Ausstattung:Dante Ferretti
Kostüme:Dante Ferretti
Besetzung:Tencho Gyalpo
Geshi Yeshi Gyatso
Tsewang Migyur Khangsar
Robert Lin (II)
Gyatso Lukhang
Tenzin Yeshi Paichang
Sonam Phuntsok
Lobsang Samten
Tulku Jamyang Kunga Tenzin
Gyurme Tethong
Tenzin Thuthob Tsarong
Tenzin Trinley
Jigme Tsarong
 
Länge:135 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Prod.-firma:Refuge Productions
CH Verleih: Focus Film


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