Last Night (1998)

Die Welt geht unter. Ernsthaft.


von Rafael Scholl


Im Film ist der Weltuntergang meist eine reichlich hektische Angelegenheit; das ist nicht weiter erstaunlich, sehen wir doch beinahe ausnahmslos einem einsamen Helden über die Schultern, während er in einem übermenschlichen letzten Effort (und in letzter Sekunde) den Planeten rettet.

Wie aber sieht die Geschichte aus der Sicht des hilflosen kleinen Moritz aus, dem überhaupt keine andere Wahl bleibt, als sich mit dem grossen Finale abzufinden? In Last Night sind wir mit dabei und erleben sie, die allerletzte Darbietung vor dem endgültigen Vorhang.


Der bevorstehende Weltuntergang hebt die Gesellschaft aus den Angeln, und nicht nur das.
Wer von den beiden Quasi-Weltuntergängen des letzten Sommers nicht sonderlich angetan war, dürfte hier auf seine Kosten kommen. Dies ist nicht Deep Impact oder Armageddon in billigerem Gewand ­ der erste Langspielfilm des kanadischen Filmemachers Don McKellar bringt das Thema des Weltuntergangs so auf den Punkt, dass es den Zuschauer berühren kann: Mit dem Auge auf den Figuren und der Stimmung der Geschichte, ohne millionenschwere Spezialeffekte, dafür aber mit Originalität und Detailliebe.

Die Menschlichkeit aller Figuren ist stets zu fühlen. Es sind glaubwürdige Personen, deren Verhalten aber meistens mehr bedeutet, als der erste Blick vermuten liesse: Es ist ein Querschnitt durch die vielfältigen Reaktionen auf den Weltuntergang, die wir von unseren Mitmenschen und uns selbst erwarten würden.

Das klingt furchtbar theoretisch, aber im Film ist dem nicht so. Vielmehr fesselt der scheinbare Widerspruch, dass wir überhaupt Allgemeingültigkeit im Verhalten dieser lebendig charakterisierten Individuen erkennen können.

Die jeweiligen Entscheidungen und Schicksale der fünf Hauptfiguren sind die Goldmine des Films; wir interessieren uns für sie vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil stets die eine Frage im Hinterkopf lauert: Wie würde ich meinen letzten Abend gestalten? Last Night regt den Zuschauer an, im Geiste in die Schuhe der Filmpersonen zu schlüpfen.

Für einen einzigen, relativ kurzen Film sind in der Tat viele Einzelschicksale zu beachten ­ die Pfade kreuzen und verflechten sich jedoch im Laufe der Zeit, so dass die Erzählung nicht zerstreut wirkt. Die Figuren bewegen sich in einem sorgfältig verknüpften Plot, der den Zuschauer bei Laune hält, grübeln lässt und immer etwas Neues zu enthüllen hat. Last Night ähnelt einem Mosaik, das während den humanen 90 Minuten Spielzeit Stein um Stein aufgebaut wird; immer deutlicher werden die Zusammenhänge und Nuancen.


Autor und Regisseur Don McKellar (rechts) und Callum Keith Rennie.
Der Zuschauer wird manipuliert ­ zum Teil offensichtlich, zum Teil beeindruckend raffiniert. Die Endzeitstimmung ist greifbar. Besonders clever ist eine bestimmte Manipulation unseres Realitätsempfindens, die zu verraten ein Affront wäre ­ genüge es zu sagen, dass ab einem gewissen Punkt das Universum des Films, ja sogar die Physik völlig entwurzelt zu sein scheint, was uns als Zuschauer regelrecht quält. Der nervenaufreibende Umstand wird im Dialog kommentiert, jedoch erst wenige Minuten vor Schluss.

Dies ist eine wirksame psychologische Finesse des Drehbuchs. Sie ist auch bezeichnend für die natürliche Erzählweise, die einen nie mit dem Finger auf offensichtliche Exposition zeigen lässt; zu gut ist das Drehbuch strukturiert, zu flüssig die Entwicklung der Handlung. Die Welt in Last Night weiss nicht, dass sie ein Film ist.

Die Handlung spielt in Toronto, Kanada, aber das ist letzten Endes ohne jegliche Bedeutung: Diese Stadt, diese Personen, diese sechs Stunden gehören in unserer Vorstellung zu einem Ort, der eine ganz eigene Identität annimmt. Auf einer Karte findet man ihn nicht, jedoch neben Ricks Café Américain, Norman Bates' Motel oder der Isla Nublar.

Die treibende Kraft hinter Last Night war Don McKellar, der als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller einen eindrücklichen, vielschichtigen Spielfilm geschaffen hat. An seiner Seite finden wir vor der Kamera unter anderem Callum Keith Rennie (bekannt als Ray Kowalski in den neuen Folgen von «Due South», dt.: «Ein Mountie in Chicago») und Geneviève Bujold.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Last Night (1998)
Land:Kanada
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Don McKellar
Drehbuch:Don McKellar
Produktion:Niv Fichman
Daniel Iron
Nathan Lafionatis
Koproduktion:Joseph Boccia
Ausf. Prod.:Caroline Benjo
Carole Scotta
Kamera:Douglas Koch
Schnitt:Reginald Dean Harkema
Musik:Alexina Louie
Alex Pauk
Ausstattung:John Dondertman
Kostüme:Lea Carlson
Besetzung:Geneviève Bujold
Jackie Burroughs
David Cronenberg
Robin Gammel (II)
Karen Glave
Roberta Maxwell
Don McKellar
Trent McMullen
Sandra Oh
Sarah Polley
Callum Keith Rennie
Tracy Wright
Arsinée Khanjian
 
Länge:90 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:Canadian Broadcasting Corporation (CBC)
Cineplex
Arte
Rhombus Media
CH Verleih: Frenetic Film


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