Lea (1996)

Wie kürzlich im «Magazin» des Tages-Anzeigers zu lesen war, ist der Handel mit Mädchen aus aller Welt noch immer ein dreckiges Geschäft mit hohen Profiten. Weniger mit dem Handel, sondern den Möglichkeiten, die die Öffnung des Ostens zu bieten hat, schildert Ivan Fila die Beziehung zwischen einem Deutschen und einer stummen Slawin.


von Serge Zehnder


In einem ostslowakischen Dorf wächst die kleine Lea in den späten siebziger Jahren bei der Mutter und einem gewalttätigen Vater auf. Als dieser sich eines Abends an seiner Frau vergeht, verschwindet die Mutter mit ihrem Kind, nur um kurze Zeit später von ihrem Mann umgebracht zu werden. Durch dieses Ereignis geschockt, sondert sich Lea von ihrer Welt ab und spricht fortan kein Wort mehr. Über das staatliche Kinderheim wird sie an Stiefeltern weitergereicht, bei denen sie in Zukunft leben wird.

Zahlbare Ähnlichkeit

Rund fünfzehn Jahre später, der Kommunismus gehört mittlerweile der Vergangenheit an, kommt der deutsche Gutsbesitzer Herbert Strehlow (Christian Redl) in die Ostslowakei. Der ehemalige Fremdenlegionär ist auf der Suche nach einer Ehefrau und die inzwischen erwachsene Lea (Lenka Vlasakova) besitzt eine grosse Ähnlichkeit mit der verstorbenen Gattin Strehlows. 50'000 Mark bietet Strehlow Leas Adoptivvater an, der nach einigen emotionalen Wallungen einschlägt. Widerspenstig und wütend verfrachtet Strehlow seine Zukünftige auf seinen Bauernhof, wo es von Schiessanlagen und militärischen Ornamenten nur so wimmelt. Die Verschiedenheit der beiden scheint unüberwindbar zu sein. Lea, die dem letzten Wunsch ihrer Mutter nachkommt und der Verstorbenen seit Jahren Briefe und Gedichte schreibt, hält sich von ihrem Käufer fern. Die Versuche Strehlows, einen Kontakt zu Lea herzustellen, scheitern ein ums andere Mal, bis er schliesslich jene Briefe an eine Tote entdeckt und damit zu einer Übersetzerin (Hanna Schygulla) geht. Er findet Zugang zu Leas Trauma.

Überforderte Anforderungen

Dem Zuschauer wird ziemlich schnell klar, wie unglaublich stupend hier mit den gezeigten Schicksalen umgegangen wird. Die Tragödien, die den Figuren widerfahren sind, werden mit dahinsiechender Symbolik zu verdeutlichen versucht und die Musik, aus nervenaufreibenden und unheilschwangeren Tönen zusammengesetzt, geht einem nur zu Beginn noch etwas unter die Haut. Bald schon wirkt das ständige Auftauchen abstumpfend. Dass hinter dem Projekt eine gute Absicht stand, steht ausser Frage, und die verschneiten Landschaften der Slowakei oder das triste Gut Strehlows sind sorgfältig ausgeleuchtet und fotografiert. Nur was sich zwischen den Scheinwerfern bewegt, ist stellenweise fast dilettantisch. Die Annäherung zwischen Lea und Strehlow reduziert sich auf einige banale Momente, wie Blumenkaufen oder Musizieren. Momente, die die verstörte junge Frau aus ihrer Versenkung holen sollen. Derweil beschränkt sich Fassbinders Muse Hanna Schygulla auf Aussprüche wie: «Wenn Sie eine Frau zum Lachen bringen, haben Sie ihr Herz gewonnen.» Schön und gut, nur für den Zuschauer bleibt da herzlich wenig übrig. Lea besitzt eine faszinierende Ausgangslage, die jedoch in ihrer bemühenden Art, Mitgefühl zu erzeugen, an den eigenen Anforderungen scheitert und durch plumpe, wenn auch schöne cineastische Mittel ihr Ziel leider verfehlt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Lea (1996)
Land:
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Fila, Ivan
Drehbuch:Fila, Ivan
Produktion:Fila, Ivan
Rimbach, Herbert
Kamera:Smutny, Vladimir
Musik:Hapka, Petr
Besetzung:Danciak, Stano
Donutil, Miroslav
Gogal, Ivan
Jirsakova, Klara
Kier, Udo
Kronerová, Zuzana
Kucera, Mojmir
Lohmeyer, Gerd
Melkovic, Jan
Redl, Christian
Schygulla, Hanna
Stritzel, Oliver
Valentová, Sona
Van Ulzen, Herman
Vetrovska, Tereza
 
Länge:100 Minuten
Bild:35 mm (Farbe)
CH Verleih: Stamm Film


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