Liar (1997)

«Die Kamera lügt 24 mal pro Sekunden» stellte Regisseur Brian DePalma einmal lakonisch fest. Etwa dieselbe Anzahl von Unwahrheiten ergisst sich über das Debüt der Gebrüder Pate, in dem Tim Roth als reicher Zögling in Mordverdacht gerät.


von Serge Zehnder


Wie ein Theaterstück ist dieser beklemmende Thriller um Eifersucht, Liebe und sexuelle Begierde aufgebaut. John Wayland (Roth) steht unter Verdacht, eine Prostituierte namens Elisabeth Loftus (Renee Zellweger) ermordet zu haben. Die zuständigen Beamten Braxton (Reservoir Dog Chris Penn) und Kenesaw (Mordskiller Henry Michael Rooker) wollen sich das versnobte Upperclass-Bürschchen in bester Blue-Collar-Manier zur Brust nehmen. Ein Lügendetektor-Test wird schon Klarheit schaffen, schliesslich ist das Ganze nur eine mehr oder weniger informelle Befragung. Was sich wie das Zerlegen von eindeutigen Indizienbeweisen ausnimmt, entwickelt sich zum psychologischen Nervenzerrer. Wayland ist nicht nur ein Junger Mann aus gutem Hause, der nach den Regeln seines Vaters, eines der einflussreichsten Männer der Stadt Charleston, tanzen muss, sondern auch ein Kenner im Aufdecken und Manipulieren menschlicher Schwächen. Sein IQ ist höher als der seiner Gegenspieler und Wayland ist Epileptiker. Womit alles, was die beiden Cops zu Hoffen wagten, über den Haufen geworfen wird.


Der charmante und hochverdächtige Wayland (Roth).

BLUTSBRÜDER

Seit den Coens ist klar, das ein Brüdergespann cineastische Wunder vollbringen kann. Andy und Larry Wachowski bestätigten mit «Bound» diese Theorie, weswegen Josh und Jonas Pate schon fast keine wesentlichen Neuerungen dieser Arbeitmethodik beifügen konnten. Einziger markanter Unterschied im Gegensatz zu ihren Vorgängern ist, dass sie Zwillinge sind. Das blinde Verständnis der beiden und die methaphysische Verbindung, welche schon von David Cronenberg filmisch abgehandelt wurde, scheint hier schon fast reale Züge anzunehmen. Das minuziös aufgebaute Drehbuch, die virtuosen Kameraideen, welche von «Jaws»-Linsenmeister Bill Butler als Kreuzung zwischen klassischem Film Noir und mordendem Cop-Thriller umgesetzt wurden, zeugen von einem ungeheuren visuellen und erzählerischen Talent, sind jedoch letztendlich nur die Sahne auf dem brillanten Schauspielerkuchen. Durchs Band weg ist jede Rolle präzis besetzt und glaubwürdig, was der schwülen Atmosphäre noch weitere Pluspunkte verschafft und dem Reigen um die Wahrheit, oder was die Wahrheit zu sein scheint, tiefere Dimensionen verleiht. Bereits mit ihrem zweiten Film haben sich die Gebrüder Pate schon als sehr hoffnungsvolle Talente von Genre-Filmern profiliert, und wie schon bei den Coens kann man sie sich getrennt fast nicht vorstellen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Liar (1997)
Land:USA
Genre:Krimi
Bewertung:
 
Regie:Jonas Pate
Josh Pate
Drehbuch:Jonas Pate
Josh Pate
Produktion:Peter Glatzer
John Saviano
Koproduktion:Don Winston
Ausf. Prod.:Mark Damon
Kamera:Bill Butler (I)
Schnitt:Dan Lebantal
Musik:Harry Gregson-Williams
Ausstattung:John D. Kretschmer
Kostüme:Dana Allyson
Besetzung:Rosanna Arquette
Ellen Burstyn
Mark Damon
Chris Penn
J.C. Quinn
Michael Rooker
Tim Roth
Jody Wilhelm
Don Winston
Renée Zellweger
 
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby SR
Prod.-firma:MDP Worldwide
CH Verleih: Elite Film


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