Requiem (1998)

Geister spuken durch die Gassen von Lissabon. Wer ihnen begegnet, wird nicht mehr derselbe sein.


von Thomas Hunziker


Es ist der heisseste Tag des Jahres in Lissabon. In der glühenden Mittagssonne sollte sich Paul (Francis Frappat) am Hafen mit dem bekannten portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa treffen. Dieser ist allerdings schon seit einiger Zeit verstorben, und als Paul dessen bewusst wird, realisiert er, dass er zwölf Stunden zu früh am ausgemachten Treffpunkt ist. Schliesslich erscheinen Gespenster nie vor Mitternacht, scheint an zu glauben. Dem ist allerdings nicht so; zur Überbrückung der Zeit begibt sich Paul auf eine Wanderung durch die Strassen von Lissabon, während der er auf verschiedene merkwürdige, und zum Teil bereits verstorbene Personen trifft. Orientierungslos stürzt er von einem Rencontre zum nächsten. So trifft er in beliebiger Reihenfolge auf einen Restaurantbesitzer, einen Obdachlsen, einen Friedhofswärter, einen Taxifahrer, drei Zigeunerinnen, sowie seinen verstorbenen Freund Pierre und die Frau, der er und Pierre den Hof gemacht haben, als auch seinen längst im Grabe ruhenden Vater. Schliesslich trifft er in der Nacht mit seinem Idol Fernando Pessoa zusammen.

Halluzinatorische Traumwanderung

Genauso verloren wie der Protagonist muss sich der Kinobesucher beim Betrachten dieses Filmes vorkommen. Dabei sollen die banalen Dialoge und die traumwandlerische Handlung wahrscheinlich zu einer tieferen Einsicht in das Bewusstsein des verwirrte Hauptdarstellers führen, und darüber hinaus auch in das eigene unergründliche Selbstbewusstsein. Bei mir lösten sie allerdings lediglich Langeweile und Müdigkeit aus. Möglicherweise ist eine Vorkenntnis von Antonio Tabucchis Roman, auf den dieser Film basiert, von Nöten um an die Geheimnisse der Figuren zu gelangen. Es zeugt jedoch nicht von bewundernswertem Filmschaffen, wenn die Lektüre eines Buches eine Voraussetzung ist um den Film zu verstehen oder um ihn zumindest halbwegs interessant zu finden. Shakespeares Dialoge können beinahe beliebig auseinandergenommen und gedeutet werden, falls dies bei Lissabonner Requiem auch der Fall sein sollte, dann habe ich eindeutig eine Menge wissenswertes verpasst. Glücklicherweise fühle ich mich deswegen nicht schlecht, da ich weiss, dass es dem grössten Teil der Kinobesucher genauso ergehen wird.

Der Genuss eines Filmes

Wie soll man sich in den Kinosessel setzen, wenn man sich Requiem anschauen geht? Eine Frage, die sich sicher schon viele Kinogänger gestellt haben, die aber nur schwer zu beantworten ist. Glücklicherweise wurde mir die Auflösung dieses Rätsels von Alain Tanner abgenommen. Ausführlich erklärte er vor der Vorführung seines Filmes, wie man sich filmgerecht in den Sessel plumpsen lassen soll. Bekanntlich gibt es verschiedene Arten von Filmen, wie es auch verschiedene Arten von Musik gibt, einerseits z.Bsp. Debussy, andererseits Techno-Musik. Mit welcher Art von Musik Tanner seinen Film vergleicht ist offensichtlich, und so, erklärt er, muss man sich auch dementsprechend in seinen Sitz kuscheln. Ich freue mich über jeden Film, den man entspannt geniessen kann, wenn man jedoch dabei gegen den Schlaf kämpfen muss, ist das Erlebnis mehr an- als entspannend. Wenn man zu Debussys wunderbarer Musik einschläft, kann man sich kaum beklagen, es sei denn man sitzt in einem Konzertsaal, wenn man allerdings in einem Kino einnickt, dann kann etwas mit dem Film nicht stimmen. In dieser Hinsicht ist Requiem ein Plädoyer für «Techno-Filme» wie T2 oder Speed.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Requiem (1998)
Land:
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Alain Tanner
Drehbuch:Bernard Comment
Alain Tanner
(nach einer Vorlage von Antonio Tabucci)
Produktion:Pauolo Branco (I)
Jean-François Porchet
Gérard Ruey
Alain Tanner
Kamera:Hugues Ryffel
Schnitt:Monica Goux
Musik:Michael Wintsch
Ausstattung:João Torres
Kostüme:Isabel Quadros
Besetzung:Márcia Breia
Canto e Castro
Zita Duarte
Francis Frappat
Lia Gama
Sérgio Godinho
André Marcon
José Manuel Mendes
Rafaela Santos
Raúl Solnado
Cécile Tanner
Miguel Yeco
Alexandre Zloto
 
Länge:100 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:Westdeutscher Rundfunk (WDR)
CAB Productions
Centre national de la cinématographie (CNC)
Filmograph
Gemini Films
Instituto Português da Arte Cinematográfica e Audiovisual(IPACA)
Madragoa Filmes
Télévision Suisse-Romande (TSR)
CH Verleih: Frenetic Film


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