Little Tony (1998)

Wenn Einer das Lachen als Terrorakt empfindet
(Interview mit Alex Van Warmerdam)


von Sandra Walser


Alex Van Warmerdam ist ein Multitalent. Er komponiert, schreibt und malt. Er ist Produzent, Musiker, Schauspieler und ein weltweit erfolgreicher Theatermann. Nicht minder erfolgreich hat der 47jährige Holländer auch vier Drehbücher geschrieben und diese eigenhändig auf Celluloid gebannt. Sein neuer Film «Little Tony» läuft derzeit in den Schweizer Kinos.

CineNet: Alex Van Warmerdam, Sie trinken gerade Kaffee und scheinen ihn sehr zu geniessen. Wie kommt es, dass Sie Ihren Filmfiguren diesen Genuss und das Verrichten ähnlich alltäglicher Dinge vorenthalten?

Alex Van Warmerdam: Das wirkliche Leben und das Leben, wie es im Film gezeigt wird, sind zweierlei. Kaffee kochen und trinken mag in unserem Alltag durchaus seine Wichtigkeit haben, aus dramaturgischer Sicht jedoch ist es für mich völlig uninteressant. Warum also sollte ich für das Inszenieren von Belanglosigkeiten Zeit und Filmmaterial verschwenden?

CineNet: Sie bezeichnen sich als Realisten, sind Sie dann nicht verpflichtet, auch den Alltag zu zeigen?

Van Warmerdam: Dass ich allzu Normales aus meinen Filmen ausblende, hat nichts mit irgendeiner Theorie zu tun, sondern ganz einfach mit der Art, wie ich bin und wie ich handle. Es passiert völlig unbewusst, dass ich das Augenmerk auf Wichtigeres lenke, sobald es beispielsweise dazu käme, eine Person zu zeigen, die Kaffee kocht.

CineNet: Wie aber rechtfertigen Sie es, dass Sie Ihre filmische Realität immer wieder mit surrealen und absurden Momenten durchbrechen?


Zärtlichkeiten auf dem Prakplatz (Van Warmerdam, Schluter)
Van Warmerdam: Auch dieses Absurde und Surreale, von dem Sie sprechen, ist Teil meines Unterbewusstseins. Ich verfilme also gewissermassen meine persöche Sicht der Realität und sehe deshalb wirklich nicht ein, warum ich mich nicht als realistischer Regisseur bezeichnen dürfte.

CineNet: Sie scheinen es nicht besonders zu mögen, wenn man an Ihrer Arbeit heruminterpretiert.

Van Warmerdam: Das kann man so nicht sagen. Ich empfinde jeden fertigen Film als ein von mir unabhängiges Element und kümmere mich deshalb nicht gross um Interpretationen. Jedem ist freigestellt, mit meinen Geschichten zu tun, was er will. Ich kann dem Publikum doch nicht vorschreiben, was es zu denken hat! Aber ganz allgemein gesagt, stört es mich schon, dass immerzu versucht wird, Details zu deuten, anstatt sie so zu sehen, wie sie sind. In den meisten Fällen sind sie doch völlig bedeutungslos und dienen einzig einem besseren Verständnis oder der Ausstattung. Ich zeige in meinen Filmen einen Fernseher beispielsweise nur deshalb, weil ich einen Fernseher zeigen will und nicht weil er dem Publikum auf der psychologischen Ebene etwas suggerieren sollte.

CineNet: Man spürt, dass Sie sich für Ihre Filme ein aktives Publikum wünschen: Eines, das nicht nur konsumiert, sondern mitdenkt. Ein Publikum, das aber auch fähig ist, jene Schranken, in die Sie es weisen, zu akzeptieren.

Van Warmerdam: Was für Schranken meinen Sie?

CineNet: Sie geben dem Zuschauer oft nur sehr wenig Raum, um sich vom Leinwandgeschehen distanzieren zu können. Wenn Sie beispielsweise zeigen, wie jemand stirbt oder getötet wird, dann ist die Kamera nah am Geschehen, geschnitten wird selten.


Die autoritäre Keet und Brand kurz vor dem grossen Sturm
CineNet: Ist das Streben nach höchster Authentizität mitunter auch ein Grund, warum sie auf Kamerafahrten und -bewegungen verzichten?

Van Warmerdam: Ja, vor allem in meinen früheren Filmen kommt das deutlich zum Ausdruck. Meiner Ansicht nach ist es völlig unnötig, die Kamera zu bewegen, wenn sich der Schauspieler nicht bewegt. Klar habe ich auch schon versucht, so zu filmen, wie es die meisten tun. Als ich mir die Aufnahmen dann aber ansah, war ich überhaupt nicht zufrieden und warf sie weg. Eine allzu virtuose Kameraarbeit hat irgendwie einfach keinen Platz in meiner Filmsprache.

CineNet: Gibt es auch Momente, in denen nicht Sie das Publikum, sondern umgekehrt das Publikum Sie im Griff hat?

Van Warmerdam: Durchaus, ja. Allerdings passiert mir das während meiner Arbeit als Filmemacher weniger als wenn ich mit meiner Theaterkompanie unterwegs bin. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich mein rabenschwarzer Humor, der in den Filmen wie auch in den Theaterstücken zu finden ist, selbständig macht. Ich bin mir natürlich schon bewusst, dass gewisse Momente etwas sehr Lustiges an sich haben, aber ich erwarte nicht, dass man darüber herzhaft lachen kann. Das Lachen hat etwas sehr kraftvolles an sich: Es bedeutet Macht. Und mit dieser Macht sollte man nicht leichtfertig umgehen.

CineNet: Was genau bedeutet diese Macht denn nun für Sie als Theatermann und Filmregisseur?

Van Warmerdam: Lachen wirkt wie eine Droge. Wenn sich das Publikum einmal daran gewöhnt hat, so will es nicht mehr aufhören. Dann ist die Gefahr gross, dass die Zuschauer mit ihrem Lachen ein Theaterstück richtiggehend in der Hand haben. Das Lachen des Publikums kann die Schauspieler ausserdem dazu anstacheln, allzu komisch zu werden, oder es kann sie dazu treiben, auf Lacher zu warten. Und das mag ich überhaupt nicht. In diesem Sinne empfinde ich das Lachen auch schon mal als einen üblen Terrorakt.


Bauer Brand muss sich entscheiden zwischen der jungen Lena...
CineNet: Ihren eigenwilligen Humor kann man ansatzweise auch in anderen holländischen Produktionen wiederfinden. Gibt es für Sie so etwas wie "Holländisches Kino"?

Van Warmerdam: Ich finde es sehr schwierig, diese Frage zu beantworten. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es «Holländisches Kino» gibt, vielmehr sind es einzelne Menschen, die Filme machen. Ich weiss, dass im Ausland unser Filmschaffen hochgelobt wird, aber ich kann nun mal den Exotismus und einen gemeinsamen roten Faden wirklich nicht ausmachen. Und es fällt mir auch kein einziger holländischer Film ein, der mich in den letzten drei Jahren übermässig begeistert hätte.

CineNet: Welche Filme haben Sie denn stattdessen begeistert?

Van Warmerdam: Wissen Sie, ich bin wohl eher der Typ Mensch, der den guten, alten Zeiten nachhängt. Nebst italienischen Spaghetti-Western mag ich Alfred Hitchcocks Filme besonders. Die Art, wie er Geschichten zu erzählen vermochte und wie er über das Filmemachen an sich nachdachte, beeindruckt mich. Hitchcock inspiriert mich immer wieder, jedoch versuche ich keineswegs, ihn nachzuahmen. Ich würde Ihnen gerne ein konkretes Beispiel dafür geben, was ich von Hitchcock gelernt habe, aber um ehrlich zu sein: es will mir einfach keines einfallen... Ich bin wohl ein sehr schlechter Schüler.


...und seiner bärbeissigen Frau.

Liebe, Triebstau, Mord und Totschlag
(Filmkritik zu «Little Tony»)

«Little Tony» ist ein weiterer Leckerbissen aus Alex Van Warmerdams eigenwilligem Panoptikum.

Vier Filme hat Multitalent Alex Van Warmerdam bisher in die Kinos gebracht. Filme, bei denen er nicht nur als Produzent, Filmmusiker, Drehbuchautor und Regisseur wirkte, sondern auch als überzeugender Schauspieler vor der Kamera stand. Van Warmerdams uns heute vorliegendes filmisches Werk ist bisweilen eigenwillig skurril und oftmals düster, aber immerzu fantastisch gut inszeniert. «Abel» (1986) dreht sich um eine Kleinfamilie mit klassisch verteilten Rollen: Der Vater Ernährer, die Mutter Dienstmagd, der Sohn ein gnadenloser Rebell. Um ein gestörtes Beziehungsnetz geht es auch in «De Noorderlingen» (1992), einem sehr surreal anmutenden Film, der in einer abgeschiedenen Neubausiedlung spielt. Hier wissen alle über einander Bescheid, nicht einmal die Post ist vor Mitlesern sicher. Ebenso eigenwillig ist die Handlung von «De Jurk»(1996): Ein Kleid bringt allen, die es tragen, nichts als Unglück. «Little Tony»(1998) schliesslich eröffnet uns wiederum eine bizarre Welt: Bauer Brand (Alex Van Warmerdam) ist Analphabet und kriegt von seiner dominanten Frau Keet (Annet Malherbe) die verführerische Lena (Ariane Schluter) als Privatlehrerin vorgesetzt. Doch das Ehepaar gibt sich vor ihr als Bruder und Schwester aus, damit sich Brand mit der ahnungslosen Lena einlassen kann - um sie auf Keetes Wunsch zu schwängern. Van Wanderdams vierte Produktion ist ein starker Schauspielerfilm mit sorgsam arrangierten Details in der Ausstattung und exzellenten Dialogen. Noch konsequenter als die Vorgänger vermag das bisweilen grotesk überspitzte Panoptikum schwarzen Humor und Gesellschaftskritik auf einen Nenner zu bringen. Ein wunderbar inszenierter Reigen von hanebüchenen Ereignissen, eine treffliche Sezierung der Urgemeinschaft von Mann und Frau, ihrer Neurosen und Absonderlichkeiten, die nach allzu langem Triebstau wütend hervorbrechen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Little Tony (1998)
Land:Niederlande
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Alex van Warmerdam
Drehbuch:Alex van Warmerdam
Produktion:Ton Schippers
Alex van Warmerdam
Marc van Warmerdam
Kamera:Marc Felperlaan
Schnitt:Stefan Kamp
Musik:Alex van Warmerdam
Ausstattung:Rikke Jelier
Alfred Schaaf
Kostüme:Leonie Polak (I)
Besetzung:Annet Malherbe
Ariane Schluter
Alex van Warmerdam
Sebastiaan te Wierik
 
Länge:95 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Prod.-firma:Graniet Film
CH Verleih: Look Now!


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