Little Voice (1998)

Wie aus dem Nichts erscheinen kleine Juwele, die in der Krone der Filmgeschichte für zusätzlichen Glanz sorgen. Neben «Gone With The Wind», «Casablanca»,«The Big Sleep» oder «2001: A Space Odysee» wirken sie zuweilen schon fast unnahbar, sind aber für das Gesamtbild unentbehrlich.


von Serge Zehnder


Hollywood ist selten für solche feinen Juwelen zuständig. Europa oder ein lateinamerikanisches Entwicklungsland sind die Quellen solcher unscheinbarer Meisterwerke. In unseren Gefilden hat sich Grossbritannien nicht erst seit «Trainspotting» oder «The Full Monty» als Lourdes vor der Mega-Budget Krankheit erwiesen. Freilich gelangen auch diese Produkte nicht ganz ohne amerikanische Zustüpfe auf den Markt. Aus diesem Grund existiert wohl Bob und Harvey Weinsteins «Miramax»-Films, die sich in der jüngsten Filmgeschichte mit dem Spielberg/Katzenberg/Geffen-Konglomerat «DreamWorks» während des Oscar-Rennens einen Promotionskleinkrieg geleistet haben. Der einstige Independent-Verleih, der vor einigen Jahren in den Disney-Haushalt aufgenommen wurde, ist und bleibt ein echtes Gütesiegel für gute Filme. Little Voice, und demnächst «Playing by Heart», sind die neusten glänzigen Steinchen des «Miramax»-Repertoires. Und die Nase der Weinsteins ist wirklich bewundernswert.


Billy (McGregor) versucht mit allen Mitteln LV näherzukommen.

AUSBRUCH AUS DER ISOLATION

Basierend auf einem erfolgreichen «West Ender»-Theaterstück wird die Geschichte der schüchternen LV (Jane Horrocks) erzählt, die «Kaspar Hauser»-Artig in ihrem kleinen Zimmer im Reihenhaus eines britischen Küstenstädtchens dahinvegetiert. Ihr einziger Kontakt zur Aussenwelt ist ihre aufbrausende Mutter Mari (Brenda Blethyn erhielt eine Oscar-nomination) und eine Sammlung alter Platten, welche sie von ihrem verstorbenen Vater geerbt hat. Die Scheiben mit Songs von Shirley Bassey, Marylin Monroe und Judy Garland sind nicht nur Zeugnisse von glücklicheren Tagen sondern auch die Inspiration für LV's phänomenale Gesangskünste, die schon bald vom heruntergekommenen Talentsucher Ray Say (Michael Caine: Nicht immer gut, aber wenn, dann genial), der mit Mari liiert ist, entdeckt werden. Hingerissen von LV's praktisch identischen Nachahmungen der einstigen Stars, beginnt Ray alle Hebel in Bewegung zu setzen, um aus dem stillen Mädchen einen Star und aus ihm einen reichen Mann zu machen.


Ray (Caine) und Mari (Blethyn) wollen nur «DAS BESTE» für LV.
Behutsam, ohne grosse Kinkerlitzchen setzte Regisseur Mark Hermann seine eigene mit lakonischem Witz gespickte Adaption um. Ein schlichter aber atmosphärisch dichter Bilderahmen und ein phantastisches Ensemble sorgen für eine herrliche Tragikomödie, die dezent die kleinen und grossen Schwächen der Menschen aufzeigt. Richtig unmoralisch ist hier niemand. Natürlich lockt das grosse Geld, doch viel haben diese Menschen nie gehabt, weshalb man ihnen eine gewisse Ruchlosigkeit auch nicht allzu übel nehmen kann. Horrocks, die alle Songs stimmlich perfekt interpretiert hat trotz der Naivität ihrer Figur eine sehr starke Ausstrahlung. Caine als Ekelpacket und Blethyn als alkoholisierte Mutter verstärken die Gegesätze und den Humor noch weiter, und selbst der zukünftige Jedi-Ritter Ewan McGregor wirkt als heimlicher Verehrer LVs ungemein sympathisch.

Wie schön zu wissen, dass es wenigstens einen kleinen Garant im Leben gibt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Little Voice (1998)
Land:Grossbritannien
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Mark Herman (I)
Drehbuch:Jim Cartwright
Mark Herman (I)
Produktion:Elizabeth Karlsen
Paul Webster (I)
Bob Weinstein
Harvey Weinstein
Koproduktion:Laurie Borg
Ausf. Prod.:Nik Powell
Stephen Woolley
Kamera:Andy Collins
Schnitt:Michael Ellis (I)
Musik:John Altman (I)
Ausstattung:Don Taylor (II)
Kostüme:Lindy Hemming
Besetzung:Annette Badland
Brenda Blethyn
Jim Broadbent
Michael Caine
Geoffrey Emmerson
Jane Horrocks
Jean Hotton
Philip Jackson (II)
Ewan McGregor
George Olivier
Alita Petrof
Michael Prior
Kitty Roberts
Peter Thomson
Virgil Tracy
Graham Turner
Dick Van Winkle
James Welh
Carl Wittaker
Stan Wright (II)
 
Länge:97 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Scala Productions
CH Verleih: Rialto Film


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