Living Out Loud (1998)

Die Feder ist mächtiger als das Schwert - oder wie eine Explosion im Härtetest mit einem feurigen Drehbuch verpufft.


von Serge Zehnder


Okay, grosses spektakuläres Ballerentertainment hat auch seinen vorübergehenden Reiz, aber jeder Film, der aus Fleisch und Blut in Form von lebendigen Figuren besteht, lässt uns erinnern, was wir am Film lieben. Richard LaGravenese hat sich in der grossen Sommerhit-Industrie Hollywoods als stärkste Kraft solcher «echter» Kreationen herausgestellt. Zu seinen Beiträgen gehören «The Bridges of Madison County», «The Mirror has two Faces», ein wegen einer bestimmten Frau Streisand allseits verschmähtes Werk, «The Little Princess», ein Kinderfilm ohne «mortalen» Kampf oder «Power Rangers» und natürlich «The Fisher King», sein Einstand in den Filmzirkus. Alle diese Filme zeichnen sich durch faszinierende vielschichtige Charaktere aus, deren Leben sich meistens um die Liebe dreht. Der Zuschauer erhält neben einer (wie im Falle von «Mirror» und «Fisher King») ungewöhnlichen Romanze jedoch auch eine wunderschöne Studie über Dinge, die uns alle beschäftigen. Dass ein Autor mit einem solchen Resümée auch einmal Regie führen darf, ist nicht mehr als recht: LaGravenese ergriff die Chance und lieferte sein bestes Werk seit «The Fisher King» ab.


Pat (DeVito) mit seiner kranken Tochter.

TRAGIK OHNE KITSCH

Frauen sind definitiv LaGravenese's Stärke, weshalb auch Living Out Loud ganz unter einem weiblichen Zeichen steht. Die Krankenschwester Judith (Holly Hunter) erfährt, dass ihr Mann Bob (Martin Donovan, «The Opposite of Sex»), ein erfolgreicher Arzt, sie betrügt und reicht unmittelbar die Scheidung ein. Alleine in einem grossen New Yorker Apartment an der «Fifth Avenue» wohnend, trifft sie den dort arbeitenden Fahrstuhlführer Pat (Danny DeVito), der sie mit ein paar fadenscheinigen Gründen dazu überredet, ihm Geld zu leihen, das er zur Tilgung seiner Schulden bei einem Kredithai benötigt. Pat hat aber noch andere Sorgen: Ausser seiner Scheidung und einem lausigen Job liegt auch seine Tochter schwerkrank im Spital. Die aufkeimende Freundschaft zwischen den beiden einsamen Menschen gibt jedem von ihnen den Rückhalt, das nicht gerade einfache Los zu ertragen.
Spätestens hier erleiden andere Filme Schiffbruch am Kitschfelsen; LaGravenese benutzt die Misere seiner Figuren aber so geschickt, dass die Beziehung zwischen Hunter und DeVito ohne eine äusserlich vorgegebene Chemie perfekt funktioniert.


Judith (Hunter) geniesst ihr Single-Dasein.

CHEMIE AUS DEM NICHTS

«Sie hat mich gesehen, ausgerechnet mich,» erklärt DeVitos Figur einmal, und sieht man sich ihn und Hunter zusammen an, kann man sich kaum vorstellen, dass sich zwischen diesen beiden Menschen so etwas wie eine tiefe emotionale Bindung entwickeln könnte. Doch LaGravenese gelang wie schon beim «Fisher King», wo er Robin Williams und Amanda Plummer zusammenführte, das Kunststück, die Liebe nicht als «rosarotes» himmelsschwelgerisches, sondern als sehr bodenständiges Element zu behandeln, das den Betroffenen in gewissen Lebenslagen eine emotionale Sicherheit bietet.
Der Umstand, dass es sich hierbei um zwei so vollkommen normale, ja fast schon wieder leicht abnormale Schauspieler handelt, die nicht auf ihre spezielle Schönheit zurückgreifen können, macht Living Out Loud um so faszinierender, da es das ganze Können der Hauptdarsteller benötigt, um den Zuschauer in das Leben dieser Menschen, sei es ihre Vergangenheit oder ihre Zukunft, einzuführen. Wunderschön fotografiert von John Bailey («In the Line of Fire», «As Good As It Gets») vermochte es LaGravenese, noch einer weiteren Gefahr zu trotzen, die bei Autoren im Regiestuhl latent ist: Ohne alles in witzigen Dialogen vermitteln zu wollen, hob sich LaGravenese für die wirklich wichtigen Momente seiner Geschichte die pure visuelle Cinemagie auf und wird vom Wort- zum Bildmagier.

Der Film war übrigens in den U.S.A. ein Flop, wahrscheinlich weil er einfach zu gut ist. Sollte man ja nicht unbedingt sagen, aber der Artikel hat schon mit einem Klischee angefangen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Living Out Loud (1998)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Richard LaGravenese
Drehbuch:Richard LaGravenese
(nach einer Vorlage von Anton Chekhov)
Produktion:Danny DeVito
Michael Shamberg
Stacey Sher
Koproduktion:Eric McLeod
Kamera:John Bailey (I)
Schnitt:Jon Gregory (II)
Lynzee Klingman
Musik:George Fenton
Mervyn Warren
Ausstattung:Nelson Coates
Kostüme:Jeffrey Kurland
Besetzung:Rachael Leigh Cook
Danny DeVito
Martin Donovan (II)
Holly Hunter
Elias Koteas
Queen Latifah
Richard Schiff
Lin Shaye
 
Länge:99 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Jersey Films
New Line Cinema
CH Verleih: Frenetic Film


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