Lola Rennt (1998)

«Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.» (Sepp Herberger)


von Serge Zehnder


Dieses Zitat, nebst einem anderen weit intellektuelleren Ausspruch, eröffnet Tom Tykwers Irrfahrten einer rotgefährbten Franka Potente als Lola, die im Berlin der Neuzeit versucht ihren Freund Manni (Moritz Bleibtreu «Knockin' On Heavens Door») vor dem sicheren Tod zu bewahren, der ihm durch den kahlköpfigen Gangster Ronnie (Heino Ferch «Comedien Harmonists») droht, dessen 100'000 Mark Manni dummerweise in der U-Bahn hat liegenlassen und die nun im Besitz eines Penners (Joachim Krol «Der Bewegte Mann») sind. Aufgelöst und dem Zusammenbruch nahe kontaktiert Manni Lola aus einer Telefonzelle und fleht sie um Hilfe an. Die rasende Kamera Tykwers umkreist die junge Frau bis zur Erschöpfung, während sie sämtliche Gerhirnzellen in Gang setzt, und sich die Chancen für eine rasche Geldbeschaffung ausmalt. Nicht gerade vereinfacht wird die ohnehin schon prekäre Situation durch Mannis Drohung, einen Lebensmittelladen auszurauben, sollte es Lola nicht gelingen, innerhalb von 20 Minuten die benötigte Summe aufzutreiben. Ein Kampf gegen die Uhr, oder besser gesagt gegen die Unbarmherzigkeit der Zeit beginnt.


Ronnie (Heino Ferch) will seine 100'000 und Manni (Moritz Bleibtreu) am leben bleiben.

DREI LEBEN IN EINEM

Wie ein Wirbelwind fegt nicht nur Lola über die Leinwand, sondern auch Tom Tykwer's dritte, teuerste und spektakulärste Arbeit über die Zuschauer hinweg. Kompromisslos und experimentierfreudig vermischt er Videosequenzen, Animationen und schwindelerregende Bilder zu einem ungemein lustvollen, temporeichen und, um's beim Namen zu nennen, gehaltlosen Stück moderner deutscher Filmkultur, die so ganz und gar fern von all dem ist, wofür Deutschland seit Sönke Wortmann's Ur-Beziehungskomödie «Der Bewegte Mann» bekannt geworden ist. Eine Beziehung gibt es allerdings auch bei Tykwer, ansonsten ist es aber ein kompletter Richtungswechsel vom üblichen deutschen Filmschaffen. Tykwer bediente sich eines klassischen Kunstgriffs, um die Wege des Schicksals zu ergründen. Lolas Wettlauf wird in drei verschiedenen Variationen gezeigt. Gefilmt mit denselben Kameraeinstellungen, denselben Statisten und denselben Schauspielern, welche alle Lolas Weg kreuzen und alleine durch ihre Existenz mitentscheiden, wie das Rennen ausgeht, und sei es auch nur aufgrund einer Millisekunde.


Lola (Franka Potente) muss eine Reihe von Hindernissen Überwinden.

KATEGORISCHE ENTSAGUNG

Tykwer, der unter anderem mit Wolfgang Berger das Drehbuch zur brillanten Tragikomödie «Das Leben ist eine Baustelle» verfasst hat, gibt hier eine Kostprobe seines unerschöpflichen Ressorts von visuellen Ideen. Die bemessene Zeit der Figuren überträgt sich auf das Tempo des Films. Verschnaufpausen gibt es fast keine, so dass man Lola Rennt fast zu den Actionstreifen zählen möchte. Nur ist die Action hier so kunstvoll inszeniert, dass eine Schubladisierung schon wieder unmöglich ist. Wem's hilft: es ist ein Action-Kunststfilm, bei dem die Action in der Kunst, und die Kunst in der Action liegt, was jedoch schon fast wieder zu philosophisch ist, wenn man das unterbewusste Haltbarkeitsdatum dieses Films in Betracht zieht. Lohnen tut sich Lola Rennt dennoch allemal.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Lola Rennt (1998)
Land:BRD
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Tom Tykwer
Drehbuch:Tom Tykwer
Produktion:Stefan Arndt
Kamera:Frank Griebe
Musik:Reinhold Heil
Johnny Klimek
Franka Potente
Tom Tykwer
Besetzung:Moritz Bleibtreu
Heino Ferch
Herbert Knaup
Joachim Król
Nina Petri
Ludger Pistor
Franka Potente
Armin Rohde
Lars Rudolph
Sebastian Schipper
Suzanne von Borsody
 
Länge:81 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:X-Filme Creative Pool
CH Verleih: Filmcooperative Zürich


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