Lolita (1997)

«Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul.» (Lolita, Nabokov)


von Thomas Hunziker


1955 erschien die erste Auflage von Vladimir Nabokovs Lolita in England, nachdem in den U.S.A. kein Verleger gefunden werden konnte, der es sich gewagt hätte, die Finger daran zu verbrennen. Erst drei Jahre später erschien die erste U.S.-Ausgabe, und Stanley Kubrick, der die Filmrechte erworben hatte, machte sich schon bald an die Verfilmung des «skandalösen» Romans, die 1962 in die Kinos gelangte. Ueber dreissig Jahre später machte sich der provokative Regisseur Adrian Lyne daran, eine neue Version des längst nicht mehr so provokativen Romans zu verfilmen. Dabei hatte er keine Mühe, als er jedoch versuchte, einen U.S.-Verleiher für den fertigen Film zu finden, stiess er auf Schwierigkeiten; in den streng konservativen U.S.A. wurde der Film von allen Vertrieben abgelehnt, da sie befürchteten, dass es der Film nicht einmal mit einer NC-17-Bewertung an der Zensurbehörde vorbeischaffen würde. Kubrick umging die strenge Zensurbehörde damals dadurch, dass er die humoristische Seite des Romans noch stärker hervorhob, als diese bereits vorhanden gewesen ist. Es ist zu bemerken, dass Nabokovs Roman eine äusserst unterhaltsame Gesellschaftssatire ist und sehr viel tiefer geht als die eigentliche Geschichte des von Nymphen besessenen Literaturdozenten.


Humbert und Lolita unter der kritischen Aufsicht von Charlotte

Unglückliche Abweichungen

Ein wichtiger Grund, weshalb für Lolita noch kein Verleiher gefunden wurde, liegt allerdings nicht nur an den expliziten Erotikszenen, sondern vor allem daran, dass Lynes Version weder den Vergleich mit der Fassung von Kubrick standhält, noch Nabokovs Vorlage gerecht wird. Wäre nämlich Lynes Lolita das Meisterwerk, als das es von vielen gepriesen wird, hätten sich sicher bereits mehrere Vertriebe um die Verleihrechte bemüht. Dies ist jedoch nicht der Fall, und so verbleibt es ungewiss, ob Lolita jemals in den U.S.-Kinos zur Aufführung kommen wird. Es mag ungerecht erscheinen, einen Film nach der Buchvorlage zu richten, sollte er doch zuallererst als eigenständiges Werk gewertet werden, und schliesslich ist es bis jetzt nur wenigen Adaptionen gelungen, der Vorlage gerecht zu werden. Kubricks Lolita ist jedoch eine dieser wenigen Ausnahmen, und deshalb ist es nur angemessen, Lynes Film nach denselben Kriterien zu werten. Lynes Umsetzung bietet daher viel Raum für Kritik, insbesondere die vielen kleinen Abänderungen, die er vorgenommen hat, so z.B. die beiden Ohrfeigen, mit denen Humbert Lolita straft. Diese Bestrafung bildet einen Teil des Bildes, das Lyne von Lolita entwirft, durch das sie als wehrloses Opfer erscheint, das unter einem kranken, obsessiven Mann zu leiden hat. Ein Bild, das keinesfalls dem Buch entspricht. Humbert ist zwar ein kranker, von seiner Lust nach Nymphen besessener Mann, Lolita ist jedoch keineswegs nur ein wehrloses Opfer, vielmehr nutzt sie Humberts Besessenheit schamlos zu ihren Vorteilen aus, manipuliert ihn nach Belieben und spielt ihn zu Schluss gegen Quilty aus.


Lolita und ein Fremder unter der kritischen Aufsicht von Humbert

Nabokovs Einfluss

Am Besten ist Lolita in jenen Szenen, in denen Nabokovs Text direkt übernommen wurde, d.h. in jenen Szenen, in denen Humbert seine Geschichte aus dem Off erzählt. Da Nabokovs Roman äusserst dialogarm ist, Lyne und sein Drehbuchautor Stephen Schiff jedoch mehr Dialog in ihrem Film haben wollten, als im Roman vorhanden ist, fühlten sie sich dazu gezwungen, einige Textzeilen selbst hinzufügen. In diesen Textstellen offenbaren sich Nabokovs Qualitäten als Schriftsteller, was in diesem Fall nichts anderes bedeutet, als dass sich Schiffs Kreationen äusserst unvorteilhaft vom Originaltext abheben. Kubrick hatte das Glück, dass ihm Nabokov selber als Drehbuchautor zur Seite stand, und sich seine Lolita deshalb, obschon etliche Veränderungen gegenüber dem Roman vorgenommen wurden, als bessere Adaption und gelungenerer Film präsentiert. Adrian Lynes Neuverfilmung scheitert schlussendlich hauptsächlich an einer übersteigerten Symbolik und der leicht kitschigen Hollywood-Ästhetik, der sich Kubrick gänzlich verschloss. Gesegnet seien jene, die weder mit Nabokovs Roman noch mit Kubricks Filmversion vertraut sind, denn ihnen ist es möglich, den Film unbelastet zu geniessen. Der Film bietet trotz aller Mängel bezüglich der Adaption zwei Stunden entholsamen Kinogenuss und befriedigt, wie andere Fime von Lyne zuvor, vorrangig das voyeuristische Verlangen des Publikums.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Lolita (1997)
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Lyne, Adrian
Drehbuch:Nabokov, Vladimir
Schiff, Stephen
Produktion:Kassar, Mario
Michaels, Joel B.
Kamera:Atherton, Howard
Schnitt:Brenner, David (I)
Monroe, Julie
Musik:Morricone, Ennio
Ausstattung:Hutman, Jon
Kostüme:Makovsky, Judianna
Besetzung:Dean, Erin J.
Griffith, Melanie
Irons, Jeremy
Langella, Frank
Peterson, Kathryn
Reddin, Keith
Shepherd, Suzanne
Swain, Dominique
Franklyn-Robbins, John
Watson, Muse
 
Länge:137 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby SR-D
CH Verleih: Monopole Pathé Films


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