The Long Kiss Goodnight

Über das Fehlen von guten Ideen in der näheren Umgebung Hollywoods ist in jüngster Zeit viel berichtet worden. Besonders hart hat es den Action-Film getroffen. Mit viel Hi-Tech aber ohne eine brauchbare Story versanken die meisten Knüller im Starglanz oder einem gleissenden Feuerball. The Long Kiss Goodnight zieht unter dieser Minusbilanz einen Schlussstrich.



Festtagsstimmung im Film und in der Realität. Christbäume und Geschenke werden verpackt, Sylvester und Neujahr rücken näher. Kämpft Arnold Schwarzenegger in Kürze gegen das vorweihnachtlichen Einkaufschaos, müssen sich Geena Davis und Samuel L. Jackson gegen finstere Gesellen aus dem Politmilieu wehren. Eine winterlich-weisse Kleinstadt im Mittleren Westen ist der Ausgangspunkt von The Long Kiss Goodnight des Finnen Renny Harlin. Geena Davis mimt darin eine Frau mit Gedächtnisschwund, deren Vergangenheit sich in heftigen "Flashbacks" regelmässig zurückmeldet. Bürgerlich genannt Samantha Caine, hat sie einen humorvollen Freund und eine liebevolle Tochter, die zuweilen unter den leicht aggressiven Ausbrüchen ihrer Mutter zu leiden hat. Nicht nur, dass Samantha Alpträume eines früheren Lebens zu verdauen hat, auch ihr Verhaltensmuster schweift gerne mal von der sorgsamen Mami ab und findet sich im Befehlston eines Fuhrkutschers wieder. Zur Vervollständigung ihrer Biographie heuert sie den Schmuddeldetektiv Mitch Henessy (Samuel L. Jackson) an. Dieser Marlow aus der Strafanstalt, der sich mit billigen Tricks und rüder Zunge durch sein geschiedenes Leben schleicht, punktet dort, wo andere bereits aufgegeben haben. Doch kaum ist die erste Spur entdeckt, wird auf Samantha ein Anschlag verübt.


Zeit, die Koffer zu packen

War das Intro schon bleihaltig, so stossten der Schnüffler und die Grundschullehrerin im Verlauf der Ermittlungen auf eine Horde schwerbepackter Söldner. Inmitten des Kugelhagels entwickelt Samantha ungeahnte Fähigkeiten, die Henessy mit Erstaunen quittiert. Hinter der naiven Fassade der Kleinstadtmutter scheint offensichtlich mehr zu stecken. Das flüchtige Treffen mit einem ehemaligen CIA-Funktionär (Brian Cox) entwirrt schliesslich die Identitätskrise. Samantha die Hausfrau war einst ein "Hitman", genannt Charly Baltimore. Für etwelche Freudentänze ist aber noch kein Anlass gegeben. Von braun zu blond gefärbt versucht die Killerin den Anschluss an ihr altes Leben zu finden. Ein Abstecher in die Vergangenheit, der allzu kurz ausfallen könnte.


Mann und Frau bei der Feuertaufe

Wenn man mit einem Piratenfiasko wie Cutthroat Island im Nacken einen siebzig Millionen teures Action-Spektakel inszenieren will, ist der Ansporn, beim nächsten Mal alles durchdacht zu zerstören, entsprechend gross. Das Ehepaar Harlin/Davis hat seine Lektion gelernt und jeden guten Ratschlag befolgt. So verzichtete er diesmal darauf, die Geschichte seiner Gemahlin unterzuordnen. Mit Samuel Jackson an seiner Seite wäre das auch schwer möglich gewesen. Gutschreiben darf man es dem Feuerzauberer aus dem Norden dennoch. Denn die prickelnde Chemie zwischen der weissen "Wonder-Woman" und dem schwarzen Ex-Sträfling zeugt nicht nur von inszenatorischem Geschick, sie erhöht auch die Wirkung der darauffolgenden Knalleffekte. Harlin hat sich damit erfolgreich aufgerappelt und seinen Platz unter den fähigsten Action-Regisseuren Hollywoods zurückerobert. Initialzündung für dieses geglückte Unternehmen ist der Drehbuchautor Shane Black, dessen Hirn dieses mit Sprengstoff geladene Ei ausgebrütet hat.


Wenn das Wort die Explosion überflügelt

Es blitzte und donnerte im Kino-Auditorium, wo sich Agenten, Ausserirdische und rachesuchende Soldaten durch alle möglichen Hits des vergangenen Sommers bombten. Perfektes Timing und rasante Actionsequenzen sorgten für astreine Unterhaltung, die aber bei näherer Betrachtung sowohl im Bereich der Story als auch bei den Dialogen arge Mängel aufwies. Der von Black verabreichte Gutenachtkuss hat diese Komponente berücksichtigt und bezieht seine eigentliche Klasse aus den zitatreifen Gesprächen, von denen Jackson den Löwenanteil erhält. Seine Zeilen sind die Seele des Films, sie verleihen ihm das Flair eines Comicbuches und halten damit den Zuschauer zwischen atemberaubenden Explosionen und wilden Schusswechseln bei der Stange. Lethal Weapon war Blacks erstes Kunststück mitte der achziger Jahre. The Long Kiss Goodnight bedient sich dieser Mischung und versetzt ihr einen zynischen "Twist". Was uns zu zwei Feststellungen führt. Erstens : Shane Black gehört zum Besten, was Hollywood an Drehbuchautoren zu bieten hat. Zweitens: Vier Millionen Dollar für ein Drehbuch von dieser Qualität ist zwar etwas übertrieben, aber insgesammt eine sinnvolle Investition.

Serge Zehnder


Angaben zum Film

Titel:The Long Kiss Goodnight
Genre:Actionfilm
Bewertung:****.
Länge:120 Minuten
Regie:Renny Harlin (Die Harder, Cliffhanger)
Drehbuch:Shane Black (Lethal Weapon, The Last Boy Scout)
Produktion:Renny Harlin, Stephen Austin, Shane Black
Kamera:Guillermo Navarro
Musik:Alan Silvestri
Besetzung:Geena Davis (Thelma and Louise, The Accidental Tourist, The Fly)
Samuel L. Jackson (Pulp Fiction, Fresh, A Time to Kill)
Brian Cox (Chain Reaction, Braveheart, The Glimmer Man)
David Morse (The Indian Runner, Twelve Monkeys, Extreme Measures)
Verleih:Focus



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