Looking For Richard

In einer faszinierenden Annäherung folgt Al Pacino Shakespeares Spuren und inszeniert Richard III filmisch.


Wer hat Angst vor William Shakespeare?


Liebe, Hass, Intrigen, massenweise Mord; bloss einige Stichworte seien genannt, die Shakespeare in seinen Königsdramen so geschickt und kompliziert zu verflechten verstand. Wer heute ein rechter Schauspieler, eine angesehene Aktrice sein will, muss sich mindestens einmal als Hamlet oder Lady Macbeth versuchen.

An eines der komplexeren Shakespeare-Stücke hat sich Al Pacino gewagt. Er selbst ist vor und während seiner Filmkarriere regelmässig auf der Bühne zu bewundern gewesen; nun verfilmt er Richard III in seiner ersten Regiearbeit.

Looking for Richard ist jedoch nicht bloss verfilmtes Theater, sondern auch eine Annäherung eines Amerikaners an den übergrossen Shakespeare. Wie die Grand Old Lady Vanessa Redgrave in einem Interview so schön darlegt, hätten Amerikaner weitaus häufiger Berührungsschwierigkeiten mit dem grossen Meister, da sie Shakespeares Stücken mit allzu hoher Ehrfurcht begegneten. Al Pacino lässt in Gesprächen weitere Shakespeare-Versierte zu Wort kommen, so auch Kenneth Branagh, der mit seiner Much Ado About Nothing-Verfilmung bewies, dass Shakespeare sehr wohl auch noch heute Massen zu begeistern vermag. Wobei er Pacino gegenüber den Vorteil hatte, eine leichte, gemütserwärmende Komödie ausgesucht zu haben.

Trotz der vielen Kürzungen wird Pacino dem verworrenen Drama über Machtlust gerecht: In hitzigen Diskussionen klären die Schauspieler die Blutsbeziehungen, sprechen über die Fehde der Yorks und Lancasters und werweissen über die Motivation Richards, die wunderschöne, junge Anne (Winona Ryder) zu heiraten. Liebe kennt Richard nämlich nicht; jede Handlung dient seinem Machthunger, und wer ihm nicht mehr zum Erklimmen der Hierarchien nützt, muss nicht lange auf den Henker warten.


Al Pacino als Richard III

Langwierige, doch freudvolle Dreharbeiten

Während die meisten auf der Strasse befragten Menschen mit Shakespeare nicht viel anzufangen wissen, erklärt ein Obdachloser, wie es diesem Genie gelinge, grundlegende Gefühle zu vermitteln.

Pacino verkörpert den Hass und die Bitterkeit des buckligen Richard so überzeugend, dass man Mitleid mit dieser machtbessesenen Figur zu haben beginnt. Dennoch wird uns stets deren Gefühlskälte demonstriert, so zum Beispiel wenn der ihm treue Buckingham (Kevin Spacey) zögert, Kindermord für seinen König zu begehen und somit sein eigenes Todesurteil unterzeichnet.

Über drei Jahre haben die Dreharbeiten gedauert, da die meisten Schauspieler zwischenzeitlich bei anderen Projekten mitwirkten. Wenn Kevin Spacey eine Kappe trägt, verbirgt er seine Glatze, die er sich für Seven rasieren liess.


Al Pacino und Alec Baldwin als Richards Bruder Clarence.
Mit Looking for Richard ist Al Pacino nicht nur eine grossartige Annäherung an Shakespeare gelungen; in den dokumentarischen Teilen werden auch die Mühen des Filmemachens sichtbar. Der Produzent Michael Hadge versucht zu verbergen, dass nach der Schlachtszene noch Filmrollen übrig sind, da er befürchtet, Pacino könnte sie noch verwenden wollen.

Trotz des schwierigen Stoffes und der langen Drehzeit strahlen alle Beteiligten eine grosse Freude an ihrer Arbeit aus, und den Zuschauern macht es ebenfalls Spass, mit den Schauspielern Neues über Shakespeare zu erfahren. Sowohl Neulinge wie KennerInnen dürften von dieser Liebeserklärung an Shakespeare profitieren.

Flavia Giorgetta


Angaben zum Film

Titel:Looking For Richard
Genre:Drama
Bewertung:****½
Länge:112 Minuten
Regie:Al Pacino
Drehbuch:Al Pacino, Frederic Kimball
Produktion:Michael Hadge, Al Pacino
Kamera:Robert Leacock
Musik:Howard Shore
Besetzung:Al Pacino (The Godfather, Scent of a Woman, Heat, City Hall)
Alec Baldwin (Working Girl, The Getaway (1994), The Juror)
Winona Ryder (Edward Scissorhands, Night on Earth, Reality Bites)
Kevin Spacey (Henry & June, The Usual Suspects, Seven)
Penelope Allen
Verleih:20th Century Fox



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