Ma vie en rose (1997)

Frau sein wollen als Junge in einer Männerwelt


von Liliane Fellmann


Ludos (Geroges du Fresne) wächst in einer modernen, soap opera-gleich unterhaltsamen Familie auf: Die Mutter, (Michele Laroque) lebendig und hübsch, liebt ihre vier Kinder, das tut der Vater (Jean-Phillipe Ecoffey) auch, zudem ist er karriereinteressiert und ein echter Männerkumpel, die Geschwister sind laut und dann gibt es da noch die Grossmutter (mit Helene Vincent ganz präzise besetzt). Sie scheint Ludos Sehnsüchte aus eigener Erfahrung zu kennen und bietet ihm den Raum, sie wenigstens ein Stück weit auszukosten. Diese heile Welt bricht allerdings in dem Masse, in dem Ludo fur sich authentisch handelt, fur seine Umgebung auseinander. Ludo verliebt sich in den Nachbarsjungen und bringt so den Stein der Aggressionen gegen ihn ins Rollen.


Ludovic erlebt die Dornen des Verliebtseins als doppelte Qual.

«Zu Beginn ist alles hell, dann ist plötzlich alles verboten»

Die hellen und fröhlichen Farben des ersten Teils des Filmes wechseln später in kühlere Farbtöne, die Strukturen lösen sich auf, symptomatisch für das Auseinanderfallen des gutbürgerlichen Familienlebens. Ludos Umgebung stösst ihn zurück, nicht allein weil er unhinterfragte Regeln als sinnlos entlarvt, sondern auch weil er mit seinem Vertrauen in sein Fühlen, Fragen existentieller Art auf den Plan wirft. Alle, die mit Ludovic in Kontakt kommen, werden mit ihrem bisherigen Rollenverhalten konfrontiert. Der Vater wird immer fragiler und nähert sich Ludo in dieser Position des Schwächeren etwas an. Die Mutter wird härter, schafft es aber schliesslich als einzige, dem kleinen, hoffnungslos verwirrten Ludo in seine rosa-glitzernde Fluchtwelt zu folgen, das heisst, ihn wohl gänzlich zu verstehen.


Ludovics Verhalten provoziert Spannungen am Familientisch.

Sexuelle Identität und die Karten der Geschlechter

«Ich mag es, wenn es zur selben Zeit Tag und Nacht ist - wie in einem Gemälde von Magritte», so der Regisseur Alain Berliner. Uns so legt er den Film an. Ma vie en rose ist Komödie und Gesellsschaftskritik, ist Traum und Realität. Und so januskopfige, aber in aller Klarheit ist Ludos Selbstbild konzipiert: «Jetzt bin ich noch ein Junge, aber eines Tages werde ich ein Mädchen sein.» Ma vie en rose zeigt, wie schwierig es sein kann, seine Sinnlichkeit zu leben in einer Umwelt, die sich über Stereotypen Polaritäten bzw. Identität zurecht legt. Wo Männern die Sinnlichkeit ein Klos im Hals ist und Frauen nicht wissen, welche Rolle sie dabei spielen dürfen oder wollen. In diesem Dilemma wunderbar zu beobachten sind Michele Laroque und Jean-Philippe Ecoffey, die ratlosen Eltern.


Ludo bei seiner Grossmutter, tanzen zur zauberhaften Musik von Zazie («lorsqu` il y a du gris, je mets du rose»)

Glitzernde Werbewelt als tolerante Märchenland

Alain Berliner (der zusammen mit Chris van der Stappen für das Drehbuch verantwortlich zeichnet) sagt von sich, dass er Filme machen möchte über die Zeit, in der er lebt. Ma vie en rose löst dieses Versprechen ein. Das Zeitalter der Oberfläche ist in der Rolle der Heldin des kleinen Ludo, der Barbiepuppe Pam, würdig vertreten. Das politisch absolut unkorrekt Wesen stellt fur den kleinen Ludo eine Art moderne Märchenfee dar, die sich liebevoll und loyal um sein Seelenleben kümmert. Die Fantasiewelt Ludos, gespeist aus Kinderserien und Plakatwerbung, ist der einzige vorurteilsfreie und tolerante Ort. Berliners Kameraeinstellungen selbst schafft eine beobachtende, kaum verurteilende Distanz: «(...) weil ich die Idee mag, unsere eigenen Zuschauer zu sein, uns selber zuzuschauen, wie wir kommen und gehen.»



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Ma vie en rose (1997)
Land:Frankreich
Bewertung:
 
Regie:Berliner, Alain
Drehbuch:Berliner, Alain
Stappen, Chris van der
Produktion:Scotta, Carole
Kamera:Cape, Yves
Schnitt:Deegen, Sandrine
Musik:Dalcan, Dominique
Ausstattung:Melery, Véronique
Kostüme:Serreau, Karen Muller
Besetzung:Du Fresne, Georges
Laroque, Michèle
Rivière, Julien
Vincent, Hélène
Écoffey, Jean-Philippe
Baehr, Caroline
Bibot, Laurence
Bunel, Marie
Gallotte, Jean-François
Hanssens, Daniel
 
Länge:88 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby
CH Verleih: Frenetic Film


[ Homepage ]
Copyright © 1997 Frenetic Film (Bilder)
Copyright © 1996-1997 CineNet (Text)