Manneken Pis

Regen prasselt auf die beschlagenen Scheiben. Der Pantograph sprüht Funken während mit einem dumpfen Rumpeln das Tram der Linie 55 anhält: "Manneken Pis".



Der letzte Akt? Frank Vercruyssen
Harry (Frank Vercruyssen) hat vor vielen Jahren seine gesamte Familie bei einem Autounfall verloren und ist im Waisenhaus aufgewachsen. Die Geschichte beginnt mit seiner Fahrt nach Brüssel und wie so oft ist auch hier der Weg das Ziel: Er lernt die Tramchauffeurin Jeanne (Antje De Boeck) kennen. Mit Glück kommt er zu einem gerade freigewordenen Apartment und später zu einem Job als Tellerwäscher. Und wie es der Zufall so will, wohnt auch Jeanne im selben Haus. Die beiden treffen sich ein paarmal und langsam, sehr langsam beginnt sich eine Beziehung abzuzeichnen, wobei die traumatischen Erinnerungen von Harry und die mit Jeanne befreundete Vermieterin Denise (Ann Petersen) nicht gerade Öl im Getriebe sind. Auf unkonventionelle Art versuchen sie sich gegenseitig zu beeindrucken und sich näherzukommen. Sie lieben einander, aber es will einfach nicht so richtig klappen.


Zwei Machos beim Baden: Bert (Wim
Opbrouck) und Désiré (Stanny Crets)

"Männer sind wie Züge: gross, plump und schwer in Fahrt zu bringen"

Als beide mit ihren spektakulärsten Taktiken scheitern, kommt es zu einem vermeindlichen Showdown: Harry parkiert sich auf just dem Bahnübergang, der seiner Familie das Leben gekostet hat und Jeanne beginnt im Selbstmitleid zu versinken. Aber es kommt doch ganz anders und trotzdem gleich, kein richtiges Happy End, aber irgendwie doch. Nein, ich werde es nicht verraten!


Endstation, alles aussteigen!

In der letzten Zeit sind einige wirklich beeindruckende Filme aus der Benelux-Region in unsere Kinos gelangt und im Fall von Antonia's Line gar mit Goldmännchen dekoriert worden. In diese Kategorie gehört definitiv auch Manneken Pis, der erste grosse Spielfilm des belgischen Regisseurs Frank Van Passel, wobei sich gross lediglich auf die Länge, nicht aber auf das Budget von umgerechnet gerade mal 2 Mio. Franken bezieht. Im trüben Grossstadt-Dschungel Brüssels lassen er und Drehbuchautor Christophe Dirickx die Protagonisten das anthrazitgrau der Hausfassaden überstrahlen. Die wundersame, aber unglaublich harzige und zerbrechliche Liebe, die Harry und Jeanne verbindet, wird von den Hauptdarstellern beeindruckend interpretiert und von Frank Van Passel gekonnt in Szene gesetzt.

Van Passel über Antje De Boeck:
"Elle peut être très, très, très laide,
et incroyablement belle."
Die Besetzung stellt sich als ausgesprochener Glücksgriff dar. Van Passel: "La réalisation, pour 80%, c'est le casting." Mit Antje De Boeck und Frank Vercuyssen beleben zwei ausserhalb Belgiens weitgehend unbekannte Talente die Leinwand. Aber gerade dieser Umstand gibt einem Film wie Manneken Pis diese spannende, intime Nähe, die die Zuschauenden in den Bann zieht. Ein äusserst sensibler und (obschon er im Untertitel "Une comédie de Frank Van Passel" heisst) wunderbar schaurig traurig schöner Film. "Bitte rasch einsteigen und mitfahren ..."

Sven Schwyn



Angaben zum Film



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