Marius et Jeannette (1997)

Können abbruchreife Zementfabriken, Arbeiterwohnungen und verstaubte Hinterhöfe romantisch sein? Und wie! Und dazu sind sie noch sehr lebendig.


von Serge Zehnder


Quelle misère, da fordert man zuerst sowas wie bequemere Sitze, um den öden Vorgang des Einkaufswaren Einscannens erträglicher zu machen und man wird glatt entlassen. Jeanette (Ariane Ascaride) begehrt für einen Moment auf und ist in der nächsten Sekunde eine alleinerziehende Mutter ohne Job. Ihre beiden Kinder Magalie (Laëtitia Pesenti) und Malek (Miloud Nacer) wachsen ohne Vater auf, zumal beide unterschiedliche Erzeuger haben und Malek schwarz ist, ist das Gebilde von Jeannettes Familie mehr als ungewöhnlich. In einem kleinen Haus mit typischen Innenhof im Marseiller Stadtteil Estaque wohnend, umgibt sie dank ihrer Nachbarn trotz ihrer misslichen Lage ein gesunder Hauch von Menschlichkeit. Wie ein Handschuh passt da der Wachmann Marius (Gérard Meylan) hinein, der auf einer stillgelegten Zementfabrik seine Runden dreht und Jeannette beim Klau von ein paar Farbeimern erwischt. Eine Begegnung, die nicht gerade mit sehr viel zukünftigem Potential gespickt ist, aber entgegen allen Erwartungen in eine zärtliche Romanze mündet.


Was beim Malen so alles passiert. Marius und Jeannette kommen sich näher

PLUSQUAMIMPERFEKT

Sie sind nicht schön und elegant dafür, besitzen sie das Prädikat der Echtheit. Regisseur Robert Guédiguian entschied sich bei Marius & Jeannette für den Durchschnitt. Weder seine Figuren, noch ihre Darsteller besitzen äusserliche Auffälligkeiten, ausser dass sie in ihrer Imperfektion so unglaublich menschlich wirken. Getragen von den beiden Hauptdarstellern Ascaride und Meylan entsteht eine bittersüsse Schilderung der Arbeiterklasse Frankreichs. Politische, soziale und historische Gegebenheiten werden unter den Nachbarn genauso diskutiert wie Religion und Liebe. Der Alltag wird so zum Schauspiel und das Schauspiel wird Realität. Kommt der Film ohne irgendwelche brutalen Konfrontationen, die einen schmerzlich berühren aus, vermag Guédiguian dennoch die tragischen Momente herauszuarbeiten, so dass einem die Freude des Lebens unmittelbar bewusst wird. Obwohl die Philosophie, dass das Leben trotz allen misslichen Lagen immer noch Lebenswert ist nicht neu ist, tut es doch wieder einmal gut, einen kleinen unauffälligen Film zu sehen, der diese schöne «Banalität» verdeutlicht.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Marius et Jeannette (1997)
Land:Frankreich
Genre:Komödie
Bewertung:
 
Regie:Robert Guédiguian
Drehbuch:Robert Guédiguian
Jean-Louis Milesi
Produktion:Gilles Sandoz
Kamera:Bernard Cavalié
Schnitt:Bernard Sasia
Musik:Antonio Vivaldi
Kostüme:Maitk Alonso
Besetzung:Ariane Ascaride
Frédérique Bonnal
Jacques Boudet
Jean-Pierre Darroussin
Gérard Meylan
Pascale Roberts
 
Länge:105 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
CH Verleih: SADFI


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