Marthas Garten (1997)

Karl Winter (Stefan Kurt) geht einem geordneten Leben nach, bis er eines Nachts auf eine Leiche stösst. Gleichzeitig taucht eine geheimnisvolle Frau auf, die allerdings genauso rasch verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.


von Thomas Hunziker


Im kurzen Augenblick der Zweisamkeit hat sie nur gerade genügend Zeit, um ihm liebevoll auf den Mantelkragen zu kötzeln. Beim gemeinsamen Schlittenfahren im Kanu mit seinem Freund Uwe (Laszlo I. Kish) berichtet Karl von der unheimlichen Begegnung mit der hübschen Unbekannten. Eines Abends wartet Martha in seiner Wohnung auf ihn, der Beginn einer Beziehung. Doch Karl erfährt nichts über Martha, die in seinem Leben wie ein Geist auftaucht und wieder entschwindet. Langsam wird er von dem seltsamen Gefühl beschlichen, dass alle Menschen um ihn herum ihr Augenmerk auf ihn gerichtet haben, besonders seine Nachbarn, deren Überwachung er tagtäglich ausgesetzt ist. Selbst seine Fluchtversuche aus der Stadt mit Uwe führen zu keiner Erleichterung; Kurt fühlt sich stetig und überall kontrolliert und verfolgt, seine Situation wird immer auswegloser.


Unheimliche Faszination (Susanne Lüning, Stefan Kurt)

Alltäglicher Wahnsinn

Regisseur Peter Liechti nennt u.a. Vampirromane wie Bram Stoker's Dracula als Ausgangsmaterial für Marthas Garten. «Ich suchte nun die unterschwellige Aktualität von Stoker's Milieuschilderung herauszufiltern ­ allem voran das Thema Lebensangst und unterdrückte Sinnlichkeit» (Pressematerial). Der Wahnsinn und die Ängste werden allerdings nicht gezeigt, sie spielen sich ausschliesslich im Kopf des Hauptdarstellers ab, der die alltäglichen Ereignisse als eine Verschwörung gegen seine Person auslegt. Er steigert sich in einen Zustand, aus dem ihn niemand mehr erlösen kann. Die Flucht aus der nassen gefühllosen Stadt führt nur in den kalten Schnee oder in die karge Steinwüste einer Kiesgrube; Karl Winter ist hoffnungslos gefangen, umgeben von bis aufs Blut neugierigen Menschen.


Von Helikoptern verfolgt (Stefan Kurt mit L…szl• I. Kish)

«Die Heizung heizt»

Marthas Garten lässt sich schwer kategorisieren, zu viele Elemente werden darin verschmolzen, und man kann sich nie sicher sein ob die kafkaeske Stimmung darin ernst gemeint ist oder ob sie parodiert werden soll. Karl und Uwes Mutproben mit Kanu und Steinschleudern durchbrechen den Wahnsinn ebenso, wie sie ihm aber auch neue Facetten eröffnen. Die Selbstdialoge von Kurt entfalten in ihrer literarischen Übersteigerung eine merkwürdige Komik: «Die Heizung heizt, und links und rechts fällt Eis vom Dach.» Eis wohlgemerkt, das Kurt beinahe das Leben kostet und ihm als weiterer Puzzlestein zu seinen Komplottheorien dient.

Die Stärken dieses Films sind die Kameraarbeit von Chilinski, die St.Gallen eine bedrohliche und unheimliche Ausstrahlung verleiht, und die überzeugenden Leistungen der Schauspieler (besonders wenn man an die Theaterschauspieler in Nacht der Gaukler denkt, die nicht bemerkten, dass sie vor einer Kamera standen). Bei der Langeweile die gegen Ende des Films aufkommt, wäre es jedoch wünschenswert, von der Schweizer Filmszene endlich einmal eine Mischung eines atmosphärisch dichten, aber nicht besonders unterhaltsamen Films wie Marthas Garten und eines amüsanten, aber belanglosen und handwerklich schlechten Films wie Katzendiebe zu sehen.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Marthas Garten (1997)
Land:Schweiz
Genre:Drama
Bewertung:
 
Regie:Liechti, Peter
Drehbuch:Liechti, Peter
Witz, Martin
Produktion:Balzli, Res
Kamera:Chilinski
Schnitt:Graenicher, Dieter
Musik:Schuetz, Martin
Besetzung:Kurt, Stefan
Luening, Susanne
Kish, Laszlo I.
Hoger, Nina
Meves, Karl Ulrich
Von Bothmer, Ingrid
 
Negativ:16 mm
Bild:35 mm (Schwarz/Weiss)
Ton:Dolby
Prod.-firma:Balzli & Fahrer GmbH
CH Verleih: Look Now!


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