Matilda

Ein Kinderfilm ist, wie das Wort schon sagt, ein Streifen für das jüngere Kinopublikum, meist ein harmloses Geschichtlein, Märchen oder eine Fabel, die das simple Gemüt der «Kleinen» bewegen soll. Danny DeVito, der grosse «Kleine» unter den Hollywood-Stars, hatte diesbezüglich etwas eigenwillige Vorstellungen.


von Serge Zehnder


Die Kamera fährt von dem knuddeligen Gesicht eines Neugeborenen zurück, und die rauhe Stimme DeVitos ertönt «Off-Screen». Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Matilda Wormwood (Mara Wilson), das in eine Familie mit einem betrügerischen Vater (Danny DeVito), einer aufgeplusterten, blonde Henne als Mutter (Rhea Perlman) und einem hohlen grossen Bruder hineingeboren wird. Matilda selbst ist ein von den Eltern ignoriertes und verachtetes Wunderkind, das «schon mit vier Jahren das kann, was die meisten Menschen erst ab dreissig fähig sind zu tun: sich selbst verwalten.» Trost findet das sträflich alleingelassene Kind in der Welt der Bücher. Beginnend mit Märchen arbeitet sich Matilda zu den Klassikern der englischen Sprache hinauf. Das literarische Vergnügen schützt das inzwischen sechs Jahre alte Mädchen aber nicht vor den Gemeinheiten ihrer Eltern.



Zum Glück gewähren ihr die Eltern endlich, in die Schule zu gehen. Was wie die Rettung aus der häuslichen Hölle aussieht, ist lediglich eine geographische Verschiebung derselben Umstände. Die Schule wird von einem Monster auf zwei Beinen geführt. Mrs. Trunchbull (Pam Ferris), eine ehemalige Anabolika-Bombe, die 1972 an der Olympiade Kugel, Hammer und offenbar auch noch ihr Gehirn weggeworfen hat, regiert in ihrem Refugium mit sadistischer Freude. Jedes Lächeln wird erstickt, auf jede noch so geringe Übertretung erfolgt die Höchststrafe. Wäre da nicht die gütige Mrs. Honey (Embeth Davitz), deren Liebe zu ihren Schülern ungebrochen ist, hätten die Kinder und insbesondere Matilda mit ihren Fähigkeiten überhaupt keine Chance. Und schliesslich hat das kleine Mädchen noch nicht alle Register seines Könnens gezogen.



Kindlich, nicht kindisch

Für uns ist es Erich Kästner, für die englischsprachigen Kinder Roald Dahl. Der 1990 verstorbene walisische Schriftsteller, aus dessen Feder auch der erst kürzlich verfilmte Roman James and the Giant Peach floss, gehört zur Elite der Kinderbuchautoren und begeistert seit mehreren Jahrzehnten die junge Leserschaft. Viel Übernatürliches und die Freude am Wissen und Lernen dominieren seine Erzählungen. Garniert mit einer gehörigen Portion britischen Humors, der im ersten Moment abschreckend wirkt, von DeVito und Kameraspezi Stefan Czapsky (Edward Scissorhands) aber zum Stil-Element erhoben wird, gehört Matilda definitiv nicht in die «Friede-Freude-Eierkuchen»-Schublade der Disney-Produktionen. In Mara Wilson wurde ausserdem wieder einmal ein Nachwuchstalent gefunden, das Dahls ungewöhnlicher Vorlage mehr als gerecht wird. Wir sehen die Welt durch die Augen eines Kindes, eine Perspektive, die zwar etwas «anders», aber nicht unpopulär ist, wie wie der Erfolg in Grossbritannien (22 Millionen Pfund) beweist.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Matilda (1996)
Land:USA
Genre:Komödie
Bewertung:4 (von 5)
 
Regie:DeVito, Danny
Drehbuch:Nicholas, Kazan
Robin, Swicord
(nach einer Vorlage von Dahl, Roald)
Produktion:Dahl, Liccy
DeVito, Danny
Shamberg, Michael
Sher, Stacey
Siegel, Michael
Koproduktion:Kazan, Nicholas
Swicord, Robin
Ausf. Prod.:Bregman, Martin
Peyser, Michael
Kamera:Czapsky, Stefan
Schnitt:Klingman, Lynzee
White, Brent
Musik:Newman, David (I)
Ausstattung:Brezeski, Bill
Kostüme:Ruhm, Jane
Besetzung:Wilson, Mara
De Vito, Danny
Perlman, Rhea
Davidtz, Embeth
Ferris, Pam
 
Länge:98 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:SDDS
Prod.-firma:TriStar
Jersey Films
CH Verleih:20th Century Fox


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