The Matrix (1999)

Die Wachowski-Brüder erobern Hollywood im Sturm. Nach ihrem Regiedebüt Bound feiern sie mit dem Science-fiction-Thriller The Matrix Erfolg an den Kinokassen und bei den Kritikern. Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss und Laurence Fishburne kämpfen in einer alternativen Gegenwart um die Vormacht über die menschliche Selbstbestimmung.


von Thomas Hunziker


In einem dunklen Zimmer wartet eine schwarzgekleidete Frau auf einen wichtigen Telefonanruf, aber bevor das Telefon klingelt, wird sie von dunklen Agenten umstellt. Eine aussichtslose Situation, wie es scheint. Doch die Frau muss besondere Kräfte haben, den mühelos bricht sie die Regeln von Erdanziehung und Zeit und entflieht so dem Tod. Ein fulminanter Auftakt für einen atemberaubenden Film. Hauptfigur ist der Büroangestellte Thomas Anderson (Keanu Reeves), der sich ausserhalb seiner Arbeitszeit als Hacker Neo eine Aufbesserung seines Lohnes verdient. Durch seine illegalen Aktivitäten wurden allerdings die bereits erwähnten, mysteriösen Leute auf ihn aufmerksam. Einerseits sind das die dunklen Geheimdienstleute um Agent Smith (Hugo Weaving), andererseits die geheimnisvolle Trinity (Carrie-Anne Moss), die Neo zu ihrem Auftraggeber Morpheus (Laurence Fishburne) bringen will. Neo soll der Ausserwählte sein, der in der Lage ist die Menschheit von einer seltsamen Unterdrückung zu befreien. Doch um herauszufinden, wovon Morpheus spricht, muss sich Neo von seinem gegenwärtigen Bewusstsein lösen, und alles vergessen, was er bisher zu wissen glaubte. Die Geschichte kann von vorne beginnen, d.h. in einer anderen Welt mit geänderten Regeln. Was die Matrix ist, wird man jetzt endlich erfahren.


Zweifelt an sich selbst (Keanu Reeves mit Carrie-Anne Moss)

Virtuelle Realität

Ein intelligenter Science-Fiction-Thriller ist an und für sich ein Oxymoron, besonders wenn der Film aus Hollywood stammt - Keanu Reeves (Johnny Mnemonic, Chain Reaction) kann davon ein Lied singen. The Matrix ist allerdings ein Film, für den der Begriff ausnahmsweise zutrifft. Die Brüder Andy und Larry Wachowski liefern die packendste Überraschung dieses Sommers, und das beruht in erster Linie nicht auf die Tricks von Spezialeffektspezialisten, sondern v.a. auf ihr Talent als Drehbuchautoren. Obschon die Spezialeffekte verblüffend sind, so darf man heute von einem Science-fiction-Spektakel schon gar nichts anderes mehr erwarten. Das letzte Wort in Sachen CGI («Computer Generated Imagery») sprach diesen Frühling sowieso George Lucas mit The Phantom Menace . Doch währenddem die Spezialeffekte in der ersten Episode der Sternenkriege einzig ein buntes Feuerwerk für Kinder bieten und der Entwicklung der Geschichte eher im Weg sind, als ihr zu dienen, so sind die visuellen Effekte in The Matrix ein wichtiges Element, das die Geschichte vorantreibt. Die Effekte werden als Erhöhung der Spannung eingesetzt, anstatt, wie in The Phantom Menace, von der erzwungenen Handlung abzulenken. Die Gestaltung der einen Welt erinnert allerdings weniger an Science-fiction, sondern eher an die labyrinthartige Stadt in Seven - diesesmal aber ohne Regen. Erwartungsgemäss enthält die andere Welt aber Elemente von Blade Runner, den Alien-Filmen und anderen Science-Fiction-Filmen.


Sanfte Träume (Laurence Fishburne als Morpheus)

Philosophische Tiefe

Die Brüder Wachowski begnügten sich allerdings nicht nur mit visuellen Zaubereien. So bietet der Film neben dem Augenschmauss auch noch eine weite Palette philosophischer Gedanken. Die verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten des Filmes können an dieser Stelle leider nicht genauer erörtert werden, ohne gewisse Überraschungsmomente vorwegzugeben. Ein Aspekt, der aber tiefer analysiert werden darf, ohne die Freude am erstmaligen Betrachten des Filmes zu vermindern, sind die offensichtlichen Einflüsse verschiedenster Mythologien (von den Griechen bis hin zur Bibel), die am deutlichsten in der Namensgebung der Hauptfiguren widergespiegelt werden. Morpheus, der Gott der Träume, versucht den ungläubigen Thomas davon zu überzeugen, dass er der Ausserwählte ist (sein Hackername Neo ist ein Anagram für «One»). Erst durch Selbsterkenntnis und die selbstlose Hingabe seiner Begleiterin Trinity (Dreieinigkeit; ein in vielen Religionen wiederkehrendes Element) kann er seine vollen Kräfte entfalten. Sein Gegenspieler Agent Smith (ebenfalls ein Anagram für «I'm the Angst») entpuppt sich als die Furcht der Menschen, im vorliegenden Fall besonders die Furcht vor der eigenen Verantwortung. Der Film entfaltet sich zu einem existenzialistischen Manifesto, wie schon Dark City ein Jahr zuvor. Dark City konzenrierte sich dabei auf den Kampf zwischen Rationalismus und Individualismus und löste den Konflikt auf die selbe Art wie The Matrix (wobei Dark City weniger Glück an den Kinokassen beschert war). Der Standpunkt das jegliches Leben selbstbestimmt ist, wird verständlicherweise von Regisseuren vertreten, die sich als Urheber ihrer Schöpfung sehen - eine Ansicht die auch in Camerons schicksalsablehnenden T2 deutlich in Erscheinung tritt. Auch ohne alle die philosophischen Spielereien ist The Matrix ein eindrücklicher Film, den es nicht zu verpassen gilt.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:The Matrix (1999)
Land:USA
Genre:Actionfilm
Bewertung:
 
Regie:Andy Wachowski
Larry Wachowski
Drehbuch:Andy Wachowski
Larry Wachowski
Produktion:Carol Hughes (III)
Richard Mirisch
Joel Silver
Koproduktion:Dan Cracchiolo
Ausf. Prod.:Bruce Berman
Andrew Mason (II)
Barrie M. Osborne
Erwin Stoff
Andy Wachowski
Larry Wachowski
Kamera:Bill Pope
Schnitt:Zach Staenberg
Musik:Don Davis (I)
Ausstattung:Owen Paterson
Kostüme:Kym Barrett
Besetzung:Julian Arahanga
Marcus Chong
Matt Doran
Laurence Fishburne
Gloria Foster
Paul Goddard (I)
Fiona Johnson
Belinda Mcclory
Carrie-Anne Moss
Ada Nicodemou
Joe Pantoliano
Keanu Reeves
Robert Taylor (II)
Hugo Weaving
Rowan Witt
 
Länge:136 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm Scope (Farbe)
Ton:Dolby Digital
Prod.-firma:Village Roadshow Productions
Groucho II Film Partnership
Silver Pictures


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