Message to Love: The Isle of Wight Festival (1996)

Love, Peace and Happiness gab's nicht nur in Woodstock


von Daniel Schneider



Der geniale Jimi Hendrix bei seinem letzten Bühnenauftritt
Die Festival-Saison '98 ist in vollem Gange, zehntausende strömen hierzulande nach Frauenfeld, St. Gallen, Nyon, auf den Gurten. Musikkonsum wird zelebriert: Man zieht die schmudeligsten Kleider an, packt Schlafsack und sonstige Campingutensilien ein und vergisst vorallem Genussmittel verschiedenster Art nicht. Dann wird meist mehrere Tage und Nächte lang mit anderen Festivalbesuchern und -Besucherinnen sozialisiert, gekifft, getrunken und mehr oder weniger konzentriert den Liveauftritten teilgewohnt. Ausserdem wird viel Geld ausgegeben, schliesslich ist das zumeist junge Publikum eine kaufkräftige Zielgruppe, darum wird von den Veranstaltern dafür gesorgt, dass es den Besuchern (gegen Bares) an nichts fehlt. Es werden nicht nur kulinarische Genüsse befriedigt, auch ganze Shoppingtouren sind möglich, von Fanartikeln (inklusive überteuerter CDs aller auftretenden MusikerInnen) über praktische Artikel wie Sonnencréme, Postkonto und Minidiscplayer bis hin zum obligaten Silberschmuck und den dazugehörenden Batikkleidern kann alles erworben werden. Anscheinend der richtige Zeitpunkt, mit einem Film daran zu erinnern, wie solche Festivals früher ausgesehen haben, damals, als die Musik noch fest im Lebensgefühl wurzelte und nicht der Konsum. Ganze 3 Englische Pfund kostete der Eintritt für die drei kostenpflichtigen Tage des «1970 Isle Of Whight Festival». Insgesamt dauerte die Veranstaltung auf der kleinen Insel vor der Südküste Englands sechs Tage, in den ersten Tagen traten weniger bekannte Gruppen auf, nachher dann die inzwischen zu Legenden der Rock- und Folkmusik mutierten Stars: The Who, Emerson, Lake & Palmer, Moody Blues, Donovan, Taste, Joan Baez, Joni Mitchell, Leonard Cohen, Miles Davis und auch The Doors mit Jim Morrison und der nur 12 Tage nach dem Festival gestorbene Jimi Hendrix. Über 600'000 Fans kamen aus der ganzen Welt und machten das Festival zu einem noch grösseren Spektakel als Woodstock ein Jahr zuvor. Viele hatten nicht genug Geld für die Tickets, mussten dieses für wichtigere Sachen wie Pot ausgeben, oder waren ganz einfach überzeugt, dass Musik «for free» sein müsse und belagerten das umzäunte Gelände. Die Veranstalter wie die Infrastruktur waren überfordert, was der Atmosphäre aber wenig schadete. Das Festival wurde trotzdem für die Veranstalter zu einem finanziellen Desaster, es war eines der allerletzten Mammut-Open Airs am Ende einer Aera ­ der Jugend- und Musikkultur der späten Sechziger.

Warum so ein Theater um 3 Pfund Eintritt?


Auch Miles Davis gab es damals noch
Über 170 Stunden Filmmaterial drehte der Dokfilmer Murray Lerner während des Festivals. Im über zweistündigen Film bekommen wir die musikalischen Highlights zu sehen, unterbrochen durch Backstage-Aufnahmen, Interviews mit Festivalbesuchern, den Veranstaltern und Anwohnern. Die Statements sind meist (gerade aus heutiger Sicht) äusserst witzig, häufig mehr oder weniger sozialkritisch, zum Teil auch einfach abstrus, wie diejenigen eines pensionierten Berufsmilitärs, der hinter dem ganzen Spektakel eine kommunistische Verschwörung vermutet. Die Konzertaufnahmen sind auch im Vergleich mit heutigen Produktionen sehr gut gefilmt und für ihr hohes Alter von 28 Jahren von erstaunlicher Bild- und Tonqualität. Einzelne Szenen wirken geradezu intim, wenn zum Beispiel Joni Mitchels Verzweiflung über einen fanatischen Fan, der die Bühne stürmt, gezeigt wird. Schön kommt auch das Chaos vor und hinter der Bühne rüber, wenn zum Beispiel die Veranstalter Kleingeld abzählen, weil ein Künstler nur auftreten will, wenn er im voraus bar bezahlt wird. Ein bisschen überstrapaziert wird die Diskussion um den kostenpflichtigen Eintritt, immer wieder werden Fans gezeigt, die ihr Recht für freie Musik mit allerlei Argumenten mehr oder weniger überzeugend begründen. Aus heutiger Sicht können wir bei 3 Pfund Eintritt nur lachen, aber eben, das waren damals noch andere Zeiten...

Mir hat der Film zwar als historisches Dokument gefallen, insgesamt hat er aber doch viele Längen, die Szenen und Statements wiederholen sich und es fehlt ein Höhepunkt oder die Aussicht darauf, um die Zuschauer 127 Minuten zu fesseln. Ausserdem stehe ich wohl zu wenig auf die damalige Musik, als dass mich die für Fans sicher fesselnden Auftritte begeistern könnten. Ganz anderst die Meinung meines Vaters, der als Augen- und Ohrenzeuge des Isle Of White Festivals von den Konzertszenen begeistert war, allerdings gerne etwas mehr vom äusserst spannenden Leben der Fans aus aller Welt auf dem Gelände und drumherum gesehen hätte, seine Erzählungen und der sein alter Super-8-Film waren für mich eine interessante Ergänzung zu «Message Of Love» (damals durfte man die Auftritte noch selber fotografieren und filmen, fast unvorstellbar heute, wo geldgierige Plattenfirmen auch noch exklusive Konzertfotos und -videos zu Geld machen...). Übrigens: auch die Tickets waren damals schöner.



Kinoprogramme

Angaben zum Film

Titel:Message to Love: The Isle of Wight Festival (1996)
Land:
Genre:Dokumentation
Bewertung:
 
Regie:Murray Lerner
Drehbuch:Murray Lerner
Produktion:Malcolm Gerrie
Avril MacRory
Rocky Oldham
Kamera:Andy Carchrae
Jack Hazan
Nicholas D. Knowland
Norman G. Langley
Richard Stanley (III)
Charles Stewart (II)
Mike Whittaker
Schnitt:Howard Alk
Greg Sheldon
Stan Warnow
Einar Westerlund
Besetzung:Leonard Cohen
Roger Daltrey
Miles Davis
Donovan
John Entwistle
Kris Kristofferson
Joni Mitchell
Keith Moon
Jim Morrison (I)
John Sebastian (I)
Tiny Tim
Pete Townshend
 
Länge:127 Minuten
Negativ:35 mm
Bild:35 mm (Farbe)
Ton:Dolby
Prod.-firma:MLF Productions
CH Verleih: Elite Film


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